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Der Morgen · 1930-02-01 · Heft 6 (Februar 1930) · p. 649

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 6 (Februar 1930)
Article
Wege der Erneuerung [Rezension]
Date
1930-02-01
Page
649 (sequence 10)
Language
German
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Weg der Erneuerung das Geheimnis der echten Künstlerschaft finden zu können. Es gab eine Zeit (während des Weltkriegs), in der Thomas Mann, durch ungerechte Verdächtigung gereizt, sich ganz auf die Seile des Ästhetischen, des vom musikalischen Gefühl lebenden Menschentums zu schlagen meinte; und in seinen „Betrachtungen eines Unpolitischen" forderte er sogar für die Politik, diese härteste, bewußteste aller Daseinsformen, etwas wie eine vernunftlos mystische Existenz als deutsche Eigenart. Es gereicht ihm zur höchsten Ehre, daß er zu den Menschen gehört, die Fehler einsehen und verbessern können — Fehler im einzelnen heißt das, unter irgendeinem Druck erfolgte Abirrungen von der naturgegebenen gleichmäßigen Linie der eigenen Natur. So fand Thomas Mann auch zurück zu seinem Grundstreben, auf allen Gebieten zu arbeiten am Ausgleich der bewußten und der unbewußten Kraft. Er kam zu der schönen Erkenntnis, die er im Zauberberg verkündet hat, daß der Mensch sich über, die mystisch tiefen Lockungen des Todes erheben solle „um der Güte und Liebe willen". Und wenn er heut die Leidenschaft betrachtet, versteht und mitfühlt, mit der die Zeit sich auf politischen, wie auf wissenschaftlichen und künstlerischen Gebieten von aller bloßen "Vernunft abwendet und die Geheimnisse des Unbewußten aufsucht, so weiß er doch sich gegen die Gefahren zu wehren und die Zeit gegen die Folgen zu verteidigen, die ein blinder Kult der unvernünftigen Blutsgewalten auf allen Gebieten mit sich bringt. Er bekennt sich am Ende doch zu der Aufklärung in dem großartigen Sinne Nietzsches: „Diese Aufklärung haben wir jetzt weiterzuführen — unbekümmert darum, daß es eine ,große Revolution' und wiederum eine ,große Reaktion' gegen dieselbe gegeben hat. Ja, daß es beides noch gibt: Es sind doch nur Wellenspiele im Vergleich mit der wahrhaft großen Flut, in welcher wir treiben und treiben wollen!" Für diese Aufklärung im höheren Sinne ist jede Einkehr ins Unbewußte doch nur ein notwendiger Umweg, um bewußter, planvoller, heller das Leben zu ergreifen und zu meistern. Die Kraft dazu aber kommt aus jener Güte und Liebe, die den Menschen helfen, sie nicht dem blinden Wüten der Naturmächte ausliefern will. Es ist jene Aufklärung nicht gemeiner Art, die Thomas Mann an Lessing rühmt, wenn er sein Wort über den „Nathan" zitiert: „Es wird nichts weniger als ein satirisches Stück, um den Kampfplatz mit Hohngelächter zu verlassen. Es wird ein so rührendes Stück, als ich nur immer gemacht habe." — Ein rührendes Stück — das heißt ein Stück, cas um der Güte und Liebe willen allen Hohn, alles bloß Verneinende des Verstandes hinter sich läßt. Ein Stück des gläubigen, hellen Lebensaufbaus. Es ist solch ein Stück, das uns Thomas Mann aufspielt, aus welchem Anlaß auch immer er eine neue Variation seines großen Themas gewinnen mag. Über die gellenden Zerrissenheiten der Zeit hinaus, weist seine männliche Haltung uns eine neue Einheit von Fühlen und Verstehen, von Glauben und Wollen. Und so schreitet er voran — den Weg der Erneuerung. 4A 649

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