Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Wege der Erneuerung [Rezension]
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 646 (sequence 7)
- Language
- German
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Julius Bab unserer Elternzeit zu zeugen. Und auch hier gibt es kleine, mit besonderer Sorgfalt ausgemalte Spezialporträts: der Hofprediger Koegel, der Kampfbischof Ketteier, auch Adolf Stoecker, der merkwürdige Demagoge, gehören dazu. Aus solcher Menschen Alltag und Feierstunde erbaut sich das Leben der beiden Geschlechter. Und daß es nicht die Alltäglichen, die völlig Durchschnittlichen sind, die da zu Wort gelangen können, das ist kein Beweis gegen die Giltigkeit des gewonnenen Zeitbildes. Denn der höhere Mensch erlebt bewußter und dadurch stärker und schmerzlicher das Leben seiner Zeit, aber er lebt in der Grundart nichts anderes als alle. Und so entsteht das Bild der Großväterzeit; eine Zeit der schwersten Erschütterungen, voll Krieg und Not; zugleich mit der Erfindung und Einführung von Dampf und Gas, Telegraf und Holzpapier — und mit der Beseitigung des Männerzopfes! technisch revolutionärer als irgendeine der folgenden Epochen. Und dennoch für uns zusammengehalten im idyllischen Licht des Biedermeier, als letzte Zeit einer einheitlichen, starken Kultur — die Zeit, da man in Berlin ein Denkmal, das Denkmal Blüchers, enthüllte! Und zugegen waren morgens um 7 Uhr nur drei Menschen: Rauch, Hegel, Gneisenau! Was diese, von der Spaltung der Generationen, der politischen und der geistigen Parteien nicht wenig zerrissene Zeit noch zusammenhält, ist dieEhrf ur cht vor dem Geist, ist die noch lebendige Erbschaft der deutschen Klassik, oder persönlich gesprochen, das Erlebnis Goethes. Das heißt nicht einfach die Herrschaft Goethes, der ja noch beinahe bis ans Ende der Schinkelzeit lebt; aber auch in der Gegnerschaft, auch in der Auflösung seines Lebenswerks ist immer noch sein Genius verbindend wirksam. Deshalb ist ja Schinkel für Heilborn der Namensheld dieser Epoche, weil er, dieser geniale norddeutsche Baumeister, dieser Vollender der ersten und bisher einzigen Berliner Kultur, den klassischen Geist des Iphigeniendichters mit den geliebten gotischen Formen der Romantik auf eine rätselhaft einheitliche Art zu verbinden wußte. Die Herrschaft des Goetheschen Geistes wird noch empfunden, aber sie stirbt, stirbt hin in den neuen, von der Romantik genährten Leidenschaften der Epoche: in ihrem schwärmenden Landschaf tsgefühl und im Rausch der Musik, mit der Wien (hier zum letztenmal Deutschlands Hauptstadt) von Beethoven über Schubert zu Strauß die Gemüter überflutet. Und so schafft sich diese Zeit noch einmal einen Mythos: den singenden Tod in der Landschaft — die. Loreley. Denn das ist das kaum Begreifliche, daß vor 1800 die Loreley, die uns heute uralt und volksgewachsen scheint wie Aschenbrödel und Schneewittchen, nichts war als ein Schieferfelsen im Rheintal, und daß der einheitliche Geist dieser Zeit sich erst in Brentanos phantastischem Spielgemüt diese Gestalt schaffen mußte, um sie dann über Eichendorf und andere Lyriker auf Heinrich Heine zuzuführen, dessen erstaunliches Formtalent die völlig volksgemäße Fassung fand. Und es ersteht das Bild der Väterzeit: Eine Zeit des äußeren Erfolges und des Prunks, wo mit tönenden Reden und albernem Gepränge unzählige schlechte Denkmäler enthüllt werden; die Zeit, die von Bismarcks Genie vor allem das Uneigenste, das nichts als Zeitgemäße 646