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Der Morgen · 1930-02-01 · Heft 6 (Februar 1930) · p. 645

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 6 (Februar 1930)
Article
Wege der Erneuerung [Rezension]
Date
1930-02-01
Page
645 (sequence 6)
Language
German
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"Weg der Erneuerung mit uns hundert Spielleute mit, sie trommeln und pfeifen, widebum, widebum, dem einen geht's gerade, dem anderen geht's krumm, der eine bleibt stehen, der andere fällt um, der eine rennt weiter, der andere liegt stumm, widebum, widebum!" Das ist der Weg der Erneuerung, auf dem Döblin marschiert. Es ist der alte, große Weg, der keineswegs schrankenlosen, aber unverlierbaren menschlichen Freiheit. III. Der Weg der Erneuerung geht vom Vergangenen ins Zukünftige und der Wille der zeillosen, todüberwindenden Macht in uns ist es, der Zukunft vor uns hinsetzt. Aber wenn das Seil unserer Gegenwart straff und sicher gespannt sein soll, so muß auch unsere Vergangenheit klar und stark im Bewußtsein befestigt werden. Und dies wäre der eigentliche Sinn xind Wert der Geschichte! Aber wie selten ist eine Geschichte wirklich gelebten Lebens! Die Geschichte der Staaten und Völker, der Schlachten und Revolutionen zeigt sie so wenig, die Geschichte der Künste und Wissenschaften läßt sie nur eben ahnen! Und was sich Kulturgeschichte nennt, bleibt allzu häufig hängen im äußeren Gewand einer Zeit, in Trachten, Lebensarten und Gebräuchen. Aber eine wirkliche Geschichte gelebten Lebens hat jetzt Ernst Heilborn geschrieben: Das zweibändige Werk führt den Titel „Zwischen zwei Revolutionen" (Otto Elsner-Verlag, Berlin). Und es ist obendrein das Stück Geschichte, das uns am allermeisten angeht, die Geschichte unserer Eltern und Großeltern! „Geist der Schinkelzeit" heißt der erste Band, und er reicht von 1789 bis i8h8; „Geist der Bismarckzeit" der zweite, und er führt von i848 bis 1918. Heilborns Stoff ist nicht die Geschichte der Kriege und Staatsverträge, der Klassenkämpfe und Revolutionen — all das bleibt im Hintergrund, wird zum Teil vorausgesetzt. Aber ebensowenig schreibt er die Geschichte der großen wissenschaftlichen Leistungen und Kunstwerke in diesen vier Menschenaltern. Jene großen Offenbarungen der zeitlosen Grundkraft im Zeitlichen schweben über seinem Stoff, leuchten ihn hie und da an, aber sie sind nicht sein Thema. Thema ist das Leben des zeitgebundenen Menschen, der, so lange er wahrhaft lebt, sich aus seiner Gebundenheit sehnt und regt, der schöpferischen Freiheit entgegen. Stoff sind in aller erster Linie Briefe und Bekenntnisse, Berichte und Biographien der wesentlichen Zeitgenossen. Mit einem Fleiß, einem Feingefühl, einer Liebe, die am Ende nur verschiedene Namen für die gleiche Kraft sind, hat Heilborn ein ungeheuer großes und interessantes Material zusammengebracht. Die Humboldts, die Schlegels, die Brentanos, Schinkel und Caspar David Friedrich, Schleiermacher und E. T. A. Hoffmann, Arndt und Kleist, Pückler und Marwitz, Zelter und Runge, sie sprechen vor allem im ersten Band und legen Zeugnis ab mit ihrem Leben. Und Bildnisse weniger bedeutender als typischer Menschen, wie Luise Hensel oder Frau von Krüdener oder Gentz und Fanny Elsner werden mit besonderer Sorgfalt ausgemalt. Im zweiten Band treten vor allem Bismarck, Fontane, dann aber Bebel und Lichtwark, Feuerbach und Gustav Freytag, Wagner und Nietzsche, Fürst Hohenlohe und Ludwig Feuerbach hervor, um mit naivem Geständnis oder beobachtender Kritik von den allerverschiedensten Seiten her für das Leben 645

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