Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Wege der Erneuerung [Rezension]
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 644 (sequence 5)
- Language
- German
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Julius Bah mitzulun, wirft man ihn von einem fahrenden Auto, er verliert einen Arm, und nun ist sein Widerstand gebrochen. Er läßt sich jetzt willig in die Welt des Verbrechens gleiten. Er lebt auch von einem guten, kleinen Mädel, das ihn liebt und das er liebt, das sich aber ihre Beziehung zu anderen Männern bezahlen läßt. Schließlich wird dies kleine Geschöpf ermordet. Franz Biberkopf selbst gerät noch in den Verdacht, der Täter zu sein. Und nun bricht er ganz zusammen. In der Nervenklinik, wohin man ihn bringt, will er sich sterben lassen.-- Und soweit triumphiert die Stadt Berlin- Alexanderplatz. Denn je schwächer Franz Biberkopf wird, um so vollkommener dringt sie in seine Nerven, sein Gehirn, seine Seele ein, setzt sich mit ihrer furchtbaren Gewalt an die Stelle seines Lebens. Aber da beginnt nun der Widerstand! Keineswegs ■ als plötzliche Überraschung, sondern künstlerisch von langer Hand vorbereitet, vorbereitet durch jene rhythmischen Elemente, die dies in seiner Sachlichkeit unerhört starke Buch doch der Sphäre des reinen Impressionismus durchaus entziehen. Zwischen zwei Kapiteln vom Schlachthof stand schon eine großartig freie Phantasie, eine Paraphrase über das Buch Hiob, ein Zwiegespräch des Leidenden mit der geheimnisvollen Stimme, die ihm sagt, daß er nur leidet, weil und so lange er Lust am Leiden hat. Eine Phantasie, die sprachlich stark genug ist, um wirklich neben Stücken des majestätischen Originals bestehen zu können. Und im Sinn dieser Hiobsstrophen erhebt sich nun des Dichters Stimme in der Seele des sterbewilligen Franz Biberkopf. Es ist eine großartige Phantasie, die ihn ins Leben zurückreißt! Der Tod kommt an sein Lager und singt, und sein Kehrreim ist „0 ja"! Denn er ist der leidenschaftliche Bejaher, der aus dem Leiden das Leben, aus dem Leben die Leistung will, und der aus der dumpfen Hingabe emporführt zu dem hellen, bewußten Verstand., der dies Leben umgrenzt, behütet, lebensmöglich macht. Und so wird Franz Biberkopf wiedergeboren. In diesen rhythmisch und phantastisch großartigen Gefügen des Schlusses, in diesem „0 ja" des singenden Todes triumphiert die gleiche Grundkraft, .„das geheimnisvolle S tirb und Werde^ _das aus dem Hauptmannschen Werk hervorleuchtet. Die höchste Bedeutung des Döblinschen Kunstwerkes, das mit so dämonischer Kraft die fast grenzenlose Gewalt der städtischen Umwelt in uns aufbaut, die höchste Bedeutung besteht doch darin, daß es im Menschen selber, im Indivi- ~ duum eine Gewalt findet, die dieser Welt draußen gewachsen ist, und daß es i diese sieghafte Innenmacht mit nicht ge- \ ringerer Gewalt gestaltet. Dieses fürj kurzsichtige Augen so ganz naturalistische Buch ergießt sich nicht aus Zufall in seinen Kapitelankündigungen, aber auch hernach an vielen wichtigen Stellen immer wieder in den Reim, dies höchste Freiheitszeichen spielender Dichterphantasie! Und der Reim dominiert am Schluß: „Dem Menschen ist gegeben die Vernunft, die Ochsen bilden statt dessen eine Zunft . . . Da werde ich nicht mehr schreien wie früher; das Schicksal, das Schicksal. Das muß man nicht als Schicksal verehren, man muß es ansehen, anfassen und zerstören ... Es geht in die Freiheit, die Freiheit hinein, die alte Welt muß stürzen, wach auf, die Morgenluft. — Und Schritt gefaßt und rechts und links und rechts und links, marschieren, marschieren, wir ziehen in den Krieg, es ziehen 644