Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Wege der Erneuerung [Rezension]
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 643 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Weg der Erneuerung wird dargestellt, nicht beschrieben! Es spricht uns an, es ergreift uns, reißt uns mit, so wie es auf hundertfältige Weise in die Nerven der Passanten, in den Kopf des Aufmerkenden, in die Seele des Mitlebenden eindringt: da schreit die Straße mit Ausrufern, Straßenbahnklingeln, Gesprächsfetzen, mit Bruchstücken der Litfassäule und mit Lichtreklamen auf uns ein. Da wirbeln um unseren Kopf die Gassenhauer des Tages und die letzten Zeitungsnotizen oder Plakatanschläge, die heute das innere Leben der Stadt anfüllen. Da ist das wilde, schonungslose, steil hackende Tempo des nordöstlichen Berlin, da ist die ingrimmige, ironische Sachlichkeit, die — oft genug verkannt — bei diesem Menschenschlag aus einer scheu gehüteten Ehrfurcht vor der Wirklichkeit des Lebens kommt. „Man soll sich nicht dicke tun mit seinem Schicksal. Ich bin Gegner des Fatums. Ich bin kein Grieche, ich bin Berliner." — Und die großzügige Komposition, die aus lebendigsten Bestandteilen das Leben der scheinbar allmächtigen Stadt aufbaut, bindet sich auch nicht, nach altem Stil, an Dinge und Vorgänge, die etwa den Zentralgestalten wahrnehmbar sind. Nicht nur die Schilderung der Straßen schlägt zuweilen nach innen, und wir sehen die einzelnen Bewohner des Hauses — irgendeines ganz gleichgültigen Hauses, und ihr Leben wird skizziert beinahe mit der Ausführlichkeit einer Novelle —; und das ist eben ein typisches, ein stellvertretendes Stück Berlin! Aber plötzlich werden ein paar Dutzend außerordentlich anschaulicher, entsetzlich eindrucksstarker Seiten über den Berliner Schlachthof geschrieben, vom Statistischen: 47,88 ha, Baukosten 2 783 792 Mark, aufsteigend, hinabgleitend bis ins letzte Lebensgefühl des geschlachteten Kälbchens, hinausführend bis zur Herstellung „gefüllter Spitzbeine". Dabei hat keine der Figuren, die in diesem Roman vorkommen, jemals mit dem Schlachthof etwas zu tun. Aber sie alle leben in Berlin, und das heißt durch Berlin, und Berlin lebt durch diesen Schlachthof; er gehört zu den Fundamenten seiner blutigen, harten Existenz, und die Bilder dieses Schlachthofes, all die grausig großartigen Eindrücke geben Leitmotive her, die fortan durch das ganze Buch schwingen und das Schicksal seiner Menschen begleiten. Aber mit diesem rhythmischen Prinzip sind wir schon bei der anderen großen Qualität des Döblinschen Buches angekommen. Denn Rhythmus ist überall in der Sprachkunst Darstellungsmittel und Zeichen der Freiheit. Und Döblins Buch heißt nicht nur „Berlin- Alexanderplatz", sondern heißt noch dazu „D ie Geschichte von Franz Biberkop f". Nun ist Franz Biberkopf ein armer Kerl, erst Zementarbeiter, dann Möbelträger, weder bösartig noch dumm, aber ohne bewußten Gebrauch seines Verstandes, und leidenschaftlichen Wallungen unterworfen. Er hat ein Mädchen, eine Geliebte, in eifersüchtigem Zorn so geschlagen, daß sie an den Folgen starb, und hat vier Jahre im Gefängnis gesessen. Wie er wieder herauskommt, beschließt er, ein anständiger Mensch zu werden und versucht es als Straßenhändler. . Kritiklos, gutartig und lebensfroh gibt er sich der zufälligen Gesellschaft hin. Von einem ersten, schweren Betrug, den er erfährt, tief betroffen, erholt er sich langsam, gerät dann aber, ohne es zu wissen, in eine Verbrecherbande. Als er sich weigert, 643