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Der Morgen · 1930-02-01 · Heft 6 (Februar 1930) · p. 642

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 6 (Februar 1930)
Article
Wege der Erneuerung [Rezension]
Date
1930-02-01
Page
642 (sequence 3)
Language
German
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Julius Baüb mehr als alles andere einen Lebensrhythmus, der dem Goetheschen zutiefst verwandt ist.) Wahrscheinlich wird solche zehn Jahre lange Entwicklung den „Herrennatoren mit Schnauzbärten" (von denen Hauptmann an einer Stelle seines Werkes spricht) unmännlich, schwächlich und verächtlich vorkommen. Aber ein menschlich reiferes Gefühl wird gern die großzügige, kurz angebundene Geste vermissen, die schwerste Entscheidungen schneidig durchreißt, und wird dafür jene Menschlichkeit finden, die von allseitigem Mitgefühl mehr gehemmt und gehalten, mit verantwortungsvoller Scheu die schweren Dinge des Lebens angeht. Gewiß scheint der Schreiber dieses Buches am Ende von den Dingen mehr geführt als sie führend. Aber auch das ist nur Schein. Es ist zum mindesten nicht wahrer, als die große Geste derer, die das Schicksal selbständig zu meistern glauben. Denn es erweist sich am Ende, daß sich in dieser großen, naturgetragenen Langsamkeit doch auf die ihm allein gemäße Art der Wachstumsprozeß eines Individuums vollendet hat; eine alte Daseinsform zu sprengen galt es, und aus vielfältiger, bürgerlicher Gebundenheit zu einer neuen, freieren, nur dem eigenen Gesetz gehorchenden Bindimg des Lebens zu kommen. Dieser Mensch kommandiert nicht die Natur, aber er ist selbst Natur, er wächst aus ihr hervor, nach seinem Gesetz in ihrer Langsamkeit. Das große „Stirb und Werde" vollzieht sich in dieser Entwicklung in einer erhabenen Art, die, der üblichen Unterscheidung zwischen Freiheit und Unfreiheit entrückt, uns den Menschen in seiner verantwortlichen Größe, im geheimnisvollen Mittelpunkt der Schöpfung zeigt. II. Es liegt in diesem letzten Verhältnis, in diesem Durchbruch einer individuellen Freiheit aus der scheinbar allmächtig umgebenden Natur eine heimliche Verwandtschaft des Gerhart Hauptmannschen Buches mit einem wichtigen Werk der jüngeren Generation. Von Alfred D ö b 1 i n , dem öojährigen, erschien ein Roman „Berlin-Alexanderplatz". Er ist mehr als ein erfolgreicher Roman des Jahres im Sinne einer mehr oder weniger hochqualifizierten Unterhaltung, er ist ein episches Kunstwerk von großem Stil und von neuem Stil. Man kann natürlich untersuchen, wie Döblin auf dem Wege seiner bisherigen Produktion zu diesem Resultat gelangt ist, man kann auch den Einfluß erkennen, den der Ire Yoice und die neueren amerikanischen Erzähler mit ihrem modernen Sekundenstil ausgeübt haben; aber das ändert nichts daran, daß hier eine neue, eigene und reiche Form gefunden ist, von großer darstellerischer Kraft und Bedeutung. Damit sage ich nicht, daß dieses Buch ein vollkommenes Meisterwerk ist. Der Autor wird von seinem Ton zuweilen über den künstlerischen Zweck hinausgerissen. Die Berliner Schnoddrigkeit, die Gegenstand der Darstellung sein soll, reißt zuweilen künstlerisch unmotiviert die Führung in der Darstellung an sich; und die Übergangslosigkeit in diesem neuen Sachsiii wird zuweilen (wenigstens für mein Gefühl) bis zur echten Zusammenhanglosigkeit der Teile überschärft. Aber das gibt kein Recht, an dem großen Ergebnis zu mäkeln. Das ist nach der inneren Natur des Buches ein Zwiefaches. Denn einmal heißt dieses Werk „Berlin-Alexanderplatz" und nun wird Berlin dargestellt: 642

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