Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1930-02-01 · Heft 6 (Februar 1930) · p. 641

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 6 (Februar 1930)
Article
Wege der Erneuerung [Rezension]
Date
1930-02-01
Page
641 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2895450-2895483-2895490-2900314--04125-2900442
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Julius Bab: Weg der Erneuerung mittelbaren Aufzeichnung. Der Stoff ist, wenn nicht gewandelt, so doch gegliedert und gedeutet vom künstlerischen und philosophischen Sinn eines dreißig Jahre älteren Menschen. Wir haben, mit einem Wort, hier vor uns die Variation einer Form, die Goethe zuerst gezeigt und genannt hat, die zu künstlerischer Wirkung erhobene Lebenserinnerung: Dichtung und Wahrheit. Freilich nicht nur der Unterschied des Mannes — auch der des Stoffs, der hier nicht das Werden und Wachsen eines Wesens von Anfang an aus breitestem Grunde ist, sondern die erschütternde Krise eines schon hoch gewachsenen .Individuums — auch der Stoff bedingt starke Abweichungen von der Goetheschen Form. Zunächst versucht Hauptmann, die Hülle dichter zu ziehen. Die ersten Kapitel des Buches waren schon vor Jahren (im 12. Band der bei Fischer erschienenen Werke) gedruckt unter der Überschrift „Aus den Papieren eines Edelmannes". Sie weichen noch in manchen interessanten Kleinigkeiten von der heutigen Fassung ab. Im ganzen ist wohl ein stärkeres Bemühen um das Festhalten der Maske anfangs zu spüren. Aber im Laufe des Buchs läßt diese Bemühung mehr und mehr nach, und immer offenkundiger tritt der Dichter Gerhart Hauptmann selbst in den Mittelpunkt der Erzählung. Wenn auch leider das innere Wesen seines Berufes unberührt bleibt und nur seine sozialen Auswirkungen und Folgen gelegentlich mitklingen. Dieses Schwanken zwischen dichterischer Loslösung und einfach berichtender Sachlichkeit ist vielleicht auch schuld an einer gewissen Starre des Stils, der oft in einer künstlich kalten Prosa beharrt, statt sich der Musik des Gefühls hinzugeben und oftmals statt des künstlerisch gesehenen Bildes, wie es doch in vielen starken Momenten auftaucht, nur rednerische Umschreibung gibt. Aber seltsamerweise ist das Ergebnis von vielen kalten Einzelheilen doch ein Ganzes von ungemeiner Wärme. Das aber kommt wohl daher, daß wir es hier eben nicht mit einem Kunstwerk zu tun haben, das ganz und gar nur lebt von der Stärke und vom Zusammenhang seiner Einzelheiten, sondern mit einem wahrhaftigen Bericht eines Mannes, der während dieser zehn Jahre den „Florian Geyer", den „Fuhrmann Henschel", „Michael Kramer", den „Armen Heinrich" u. a. m. geschaffen hat. Was uns aber an diesem Lebenszeugnis am tiefsten bewegt, das ist wohl die paradoxe Dauer des geschilderten Prozesses. Auf den ersten dieser mehr als fünfhundert Seiten entschließt sich der Schreibende, seiner Frau mitzuteilen, daß eine neue Leidenschaft ihn erfüllt, und daß er sie deshalb verlassen will. — Und dann dauert es volle zehn Jahre, oder in dieser Darstellung fünfhundert Druckseiten, bis das so Angekündigte in letzter Konsequenz wirklich geschehen ist, bis die volle Loslösung erfolgt und die neue Ehe geschlossen ist! Dazwischen aber liegt eine Welt voll Schwanken, Umkehr, Neubeginn, liegt Sterben der Eltern und Geburt von Kindern, liegt Neubau des Hauses in jedem Sinn und liegt am Ende eine schwere Krankheit, die die ganze Krise gleichsam ausbrennt und den schlanken, nervösen, unsicheren jungen Menschen als einen breitbrüstigen, fest begründeten neuen Mann entläßt. (Und diese Krise des seelentragenden Körpers verrät vielleicht 641

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.