Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Wege der Erneuerung [Rezension]
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 640 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Weg der Erneuerung Hinweis auf vier Bücher des Jahres 1929 Von Julius Bab Aus der ungeheueren Bücherflut des letzten Jahres wähle ich vier Werke — Blöcke, die den Weg der Erneuerung befestigen, Pfeiler, die zeigen, wohin der Weg geht. Ich sage nicht, es sind die besten oder gar die einzig guten Bücher des vergangenen Jahres. Es ist möglich, daß die Straße der Erneuerung auch von anderen Werken abzulesen wäre — deutlicher jedenfalls von keinen anderen. Hier sind starke Stationen des Geistes, der heute in Deutschland darum ringt, das Chaos der Zeit zu lichten, und aus dem gesetzmäßig Ewigen der Menschennatur Licht in die Verwirrving zu bringen. Überlieferung des Geistes arbeitet durch die Wildheit der gegenwärtigen Natur an einer neuen Ordnung. Daß von den vier Autoren, deren Wort hier als Zeugnis deutscher Gegenwart besonders wichtig scheint, zwei jüdischer Abstammung sind und zwei nicht, das war für meine Wahl nicht bestimmend, ist auch in unserem Zusammenhang nicht wesentlich — aber es verdient vielleicht doch an dieser Stelle als ein bedeutsames Zeichen des Zufalls hervorgehoben zu werden. I. Von Gerbart Hauptmann, in dem wir den stärksten Sprecher des heutigen Deutschland ehren, der zweifellos die größte dichterische Begabung seiner Generation war, von dem 65jährigen Gerhart Hauptmann erschien ein zweibändiges Werk: „Buch der Leidenschaft". — Es führt keinen Untertitel, aber es wird fast das eigentliche Problem dieses Buches, diesen Untertitel zu suchen und richtig zu bestimmen. Es ist kein Roman. Denn in hundert Einzelheiten, großen und kleinen, zeigen sich all seine Inhalte autobiographisch bestimmt. Es ist fast ohne jede freie Erfindimg. Die große Hauptmannsche Lebenskrise, die nun ein volles Menschenalter zurückliegt, wird dargestellt; es ist die Schilderung des Jahrzehnts, in dem seine erste Ehe zerbrach und er sich einer neuen Liebe zuwandte, .um am Ende zu erkennen: „Er unterlag vielleicht einem Wachstumsprozeß seiner sich im Umbau erneuernden und ewig steigernden Natur, und hätte, um nicht dabei zu scheitern, Anja erfinden müssen, wenn sie nicht glücklicherweise vorhanden gewesen wäre." — Aber dies sind, wenn auch solch Material richtunggebend und in Einzelheiten vielleicht formgebend benutzt sein mag, auch keine Tagebücher. Sie haben nicht Ton, Tempo, Art, Zufälligkeit solcher un- 640