Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Der Bann der Wirklichkeit
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 636 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Friedrich Thieberger tatig in unserem Geiste Wirklichkeiten kombinieren kann, die unseren Drang erwecken, sie in sinnliche Wirklichkeiten umformen, sie vergegenständlichen. Solche vorgestellte Wirklichkeit treibt den Künstler, den Erfinder, den Politiker, jeden gestallenden Menschen zum Schaffen an. Die Verstandesarbeit an der vorgestellten Wirklichkeit gilt dem Detail der Durchführung, der Technik sinnlicher Verwirklichung. Der Differenzaffekt zwischen vorgestellter und sinnlicher Wirklichkeit vermag die verzehrendsten Seelenbrände zu entfachen: die Qual des Schaffens, die Leidenschaft politischen Wollens, das Glück des Märtyrertums. Hier stehen einander nicht, wie man das so oft meint, Idee und Wirklichkeit gegenüber, sondern immer nur Wirklichkeiten, besser gesagt, der Bann der vorgestellten und der sinnlichen Wirklichkeit. Hier vor allem erhebt sich der Mensch zu einem Umgestalter des Lebens, hier wird, was er von der Wirklichkeit empfangen hat, in neuer, durch ihn bestimmter Verwandlung der Wirklichkeit wiedergegeben. - Jeder Bann erweckt alle Möglichkeiten unserer Existenz. Der Bann der sinnlichen Wirklichkeit bestimmt vor allem unser Lebensgefühl, der Bann der Wesenswirklichkeit in besonders hohem Maße unseren Verstand, der Bann der vorgestellten Wirklichkeit unseren Willen. Daß sie alle einander durchdringen, gibt unserem Leben gesteigerte Fülle, Erneuerung, Überraschung, unaufhörliche Beweglichkeit und schafft nicht zuletzt die Wertmöglichkeit des Bannes. Denn je mehr Bannseiten eine Wirklichkeit für uns hat, desto umfassender kann sie alle Möglichkeiten unseres Menschseins frei machen, desto vielfältiger wird unsere Liebe. Der Bann, in welchen uns eine Landschaft stellt, mag noch so gewaltig sein, so wird doch die größere Wertigkeit offenbar, wenn zu der bloß sinnlichen Banngewalt der Bann einer Wesenswirklichkeit hinzukommt, wenn etwa durch diese Landschaft der Charakter eines Volkes uns aufgeht. Mit anderen Worten: durch die höhere Wertigkeit steht uns die Landschaft innerlich näher. Darin scheint mir in der Tat ein Maß des Bannwertes zu liegen, daß es Wirklichkeiten gibt, die uns näher und die uns ferner sind. Je tiefer der Bann, desto näher die Wirklichkeit Läßt der Bann in seiner Stärke nach oder wird er verdrängt, vielleicht mit allen Gegenmitteln des Verstandes und Gefühles bekämpft, so bleibt uns doch die Wirklichkeit, in deren Bann wir einmal standen, zunächst näher als eine neu auf uns einstürmende Wirklichkeit. Die Macht der ersten Dinge und Menschen, die uns unser Leben zum Bewußtsein gebracht haben, der ersten Geschichten, die uns den Bann der vorgestellten Wirklichkeit geschenkt haben, alle erstmaligen 636