Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1930-02-01 · Heft 6 (Februar 1930) · p. 635

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 6 (Februar 1930)
Article
Der Bann der Wirklichkeit
Date
1930-02-01
Page
635 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2895450-2895483-2895490-2900311--04115-2900436
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der Bann der Wirklichkeit Menschen und eines Lebenskreises nahe zu sein. Dieses Wesen ist aber etwas anderes als das Mosaik einzelner Handlungen und Bewegungen, oder als eine gefühlsbegleitete Erklärung seiner Taten und Meinungen. Die Erklärung des Hamletschen Wesens ist ein nachträglicher Orientierungsversuch in seiner seltsamen Welt. Man mag dicke Bücher über Hamlet zusammenlesen, von seiner Wirklichkeit erfährt man nichts durch die aus dem Stück hervorgeholtem Grundgedanken oder durch die Formel, auf welche man den Menschen Hamlet reduziert; aber man erfährt sofort seine Wirklichkeit, wenn man nur eine Szene des Stückes liest. Es sei den Deutungen ihr Wert nicht abgesprochen. Sie bohren die rationale Seite der Wesenserscheinung an und können die Intensität des Bannstrahles verstärken. Es spielt besonders für die Erziehung eine große Rolle, daß man von der rationalen Seite her die Bannkraft vorzubereiten vermag. Aber man kann auf diesem Wege den Bann nicht schaffen oder erfüllen, wie man die Wirklichkeit durch die unwirklichen Wissenadaten nicht ergänzen oder gar ersetzen kann. Es braucht wohl kaum erwähnt zu werden, daß der Bann der Wesenswirklichkeit ohne den einer zugehörigen sinnlichen Wirklichkeit nicht möglich ist, so wie nirgends etwa bloßes Leben ohne Gebundenheit an Körperliches erfahren wird. Der Bann der Wesenswirklichkeit ist immer durch bedeutende Intensität ausgezeichnet. Was durch den eigenen Sinn für Wesenswirklichkeiten, dieses zweite Gesicht in uns, erfahren wird, kehrt sich geradewegs an unsere eigene Wesenheit. Wenn der Bann der sinnlichen Wirklichkeit manchmal mit der Suggestion parallel zu laufen scheint, so ist wohl der Wesensbann genug Beweis dafür, daß es uns nicht nun* so vorkommt, tiefer zu sehen, als die Hülle der Erscheinung reicht, sondern daß wir die Herren und Hüter dieses Vergleiches zwischen einem Außen und Innen bleiben, daß wir im Erschauten das Unschaubare, im Gehörten das Unhörbare mit der ganzen Stärke unseres Seins erfassen. Gerade weil die Macht dieses Bannes so groß ist, steigert er die Arbeit des mitsuchenden Verstandes. Das Abstrakte fühlt sich hier dem sinnlich Entrückten am meisten verwandt. So kann es geschehen, daß das Wesen ganzer Kulturen, Nationen,, menschlicher Schichtungen und Zeitepochen, die der Verstand nachher auszudeuten sucht, blitzartig durch eine sinnliche Wirklichkeit durchbricht Denn es darf nicht übersehen werden, daß zum Sinn des Gegenwärtigen, also auch der gegenwärtigen Wirklichkeit, immer der Nachhall früher erfahrener Wirklichkeit gehört. Unser WirkHchkdtsgedachtnis ist so stark, daß es sogar frji- 635 43*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.