Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Der Bann der Wirklichkeit
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 637 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Der Bann der Wirklichkeit Wirklichkeiten, die in irgendeiner Hinsicht uns zu erwecken vermochten, sind an Vertrautheit und Nähe kaum mit späteren Wirklichkeiten ihrer Art zu messen. Wenn uns auch der zerlegende Verstand mit unpersönlichem Recht andere als höher anpreist, so bleibt der Nah wert der ersten Wirklichkeiten doch anders zu uns gehörig. Ist es vollends möglich, diesen Nahwert noch durch einen Wert zu steigern, den der abstrahierende Verstand aus seinen Vergleichen entdeckt, so kann die nahe Wirklichkeit eine Gewalt über uns bekommen, die uns zu dauernder Liebesquelle, also zu steter menschlicher Steigerung wird. i Vielleicht wird von . hier aus auch deutlich, was das Judentum uns Juden bedeutet. Es ist etwas anderes, als eine bloße Lehre oder Gefühlsangelegenheit Es ist eine Wirklichkeit; und wir dürfen hinzufügen, unsere intime Wirklichkeit. Dies wird uns besonders klar, wenn wir uns etwa einen nichtjüdischen Gelehrten vorstellen, der sich, ergriffen von dem allgemeinen Wert des Judentums, mit ihm zu befassen beginnt. Seine Kenntnisse der jüdischen Geschichte und Lehre mögen noch so groß sein, nie wird das Judentum für ihn jenen Nahwert erreichen, den es selbst für einen weniger „wissenden" Juden hat. Denn bei den Wirklichkeiten des Lebens kommt es nicht auf ein Wissen an, sondern auf ein Innehaben. Wer die Vorschriften des Sabbaths genau kennt, weiß noch nichts von seiner heutigen Wirklichkeit, denn mit dem Wissen allein treten wir nicht in seinen Bann. Gerade an diesem Beispiel wäre sehr leicht zu erweisen, daß die Fülle der Vorschriften und vielleicht noch mehr der Verbote um den jüdischen Menschen einen Sabbathb a n n schlagen, an dessen sanfte Weihe und überzeitliche Verknüpftheit keine psychoanalytische Angsterklärung heranreicht. Nicht einmal der Meister der Neuorthodoxie, Samson Raphael Hirsch, hat das juristische Moment einer himmlischen Bestrafung hier angemerkt. Aber ausdrücklich sagt er, daß der religiöse Jude auch nicht durch das Abschütteln des Schnees von seinen Ärmeln den Weltsabbath stören möchte. Deutlich fühlt der im Bann Stehende, daß der Tag an sich auch außerhalb jedes überlieferten Zeremonials bis zum Rande von einer stummen Sabbathwirklichkeit erfüllt ist, die Licht und Luft zu verwandeln scheint. Das Symbol von der besonderen Sabbathseele des Menschen, von dem bezauberten Leben, hat einen tiefen Wirklichkeitssinn. Die uns vertraute Wirklichkeit ist auch die uns anvertraute. Es ist die Bestimmung des Menschen, seine intime Wirklichkeit so zu erfahren, daß in ihre Bannkraft ein Stück seines Lebens mündet. 637