Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Der Bann der Wirklichkeit
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 634 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Friedrich Thieberger wissermaßen sekundäre Beobachtungen an dem rationalen Teil der Wirklichkeit. Sie sind darum nicht willkürlich, sondern gebunden. Denn über ihre Geltung entscheidet erst die Wirklichkeit. Wie stark eine Bannkraft den Menschen ergreift, ob sie bis zur Erweckung sich steigert oder die tiefste Schicht des dunklen Menschen gerade noch berührt, liegt wohl an dem unergründbaren und ganz persönlichen Einklang zwischen diesem Menschen und dieser Wirklichkeit. Ich habe den Prozeß der Erweckung im 4. Jahrgang des „Morgen" (Heft 4) darzustellen versucht. Wie ich dort von verschiedenen Schichtungen im Menschen, eigentlich von verschiedenen Menschen in jedem einzelnen gesprochen habe, so ließen sich wohl auch in der Wirklichkeit verschiedene Schichtungen aufweisen, auch hier sozusagen verschiedene Wirklichkeiten, die mit ihrer Banngewalt unser Bewußtsein erfassen. Da ist zunächst von jener Wirklichkeit zu sprechen, die bloß durch die Sinne den Weg in uns findet Von dem einfachen Eindruck jedes wahrgenommenen Stückchens Welt bis zur Bewegung und Ergriffenheit, denen nur manchmal — und auch dann immer spät — verstandesmäßige Gliederung nachfolgt, ist in diesem Bann der ganze Reichtum der sinnlichen Wirklichkeil beschlossen. Wer vor einem Gemälde steht, erfährt nicht nur Empfindungen des Gesichtssinnes, sozusagen Farbendaten mit angehängtem Gefühl. Hier ereignet sich ein Innehaben und Gehabtwerden, das weit davon entfernt ist, sich aus dem Abc der Sinnesempfindungen zusammenstellen zu lassen. Aus der Skala der Farben allein läßt sich kein wirkliches Bild formen. Nicht einmal die Intensität der einzelnen isolierten Sinnesempfindungen hat etwas mit der wahren Intensität des Erlebens zu tun. Das sanfteste Pianissimo eines Tones kann uns tiefer bewegen, als sein Fortissimo. Wenn man nur die physikalischen Gesetze unserer Aufnahmeorgane, also gleichsam unsere Klaviatur prüft, kommt man ganz abseits von der Erfassung des wirklichen Menschen, als eines Wesens, das Spielwerk und Spieler zugleich ist und dessen Weise die Welt inspiriert. An dem Beispiel der Kunst wird aber auch deutlich, daß in diese sinnliche Wirklichkeit gleichsam als tiefere Schicht eine andere Art eingebaut sein kann, die nicht mehr durch die äußeren Sinnesorgane in uns eingeht, sondern nur durch ein Aufreißen der sinnlichen Wirklichkeit. Was uns etwa an Shakespeares Hamlet in Bann hält, ist nicht nur das wunderbare rhythmische Auf und Ab der Szenen, vielmehr auch das Bewußtsein, dem Wesen eines 634