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Der Morgen · 1930-02-01 · Heft 6 (Februar 1930) · p. 633

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 6 (Februar 1930)
Article
Der Bann der Wirklichkeit
Date
1930-02-01
Page
633 (sequence 3)
Language
German
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Der Bann der Wirklichkeit 61 keit des Außen auf die des Innen gestaltend Einfluß genommen hat. Kants Unterscheidung zwischen autonomer, d. h. selbstgesetzter und heteronomer, d. h. von fremdem Willen bestimmter Moral ist nicht eine Unterscheidung des Ursprungs. Denn jeder Anruf an den Willen, ja schon die Erklärung von Gut und Böse erfolgt von außen her. Es kommt vielmehr nur darauf an, ob die Antwort aus innerer Erweckungskraft des Bannes geschieht oder nicht. Die Moral eines religiösen Menschen, der an ein offenbartes Gesetz glaubt, kann genau so autonom sein, wie die Moral eines Menschen, der nach dem Grundsatz einer persönlichen Erfahrung oder eines zurechtgelegten ethischen Systems sein Leben einrichtet. In jeder Wirklichkeit liegt also das Geheimnis des Daseins. Sie ist darum nicht mit unserem Verstände faßbar, sondern nur in ihrer Gesamtwirkung auf uns. Der überrationale, erlebte Zusammenstoß unserer Bewußtseinswirklichkeit mit den Wirklichkeiten um uns ist nicht nur der einzige Beweis für die Existenz einer Außenwelt, sondern der Garant für eine Wahrheit überhaupt. Vergeblich suchte man nach einem Beweis für die Außenwelt und für die Sanktion der Wahrheit im Bezirk des Verstandes. Der Verstand vermag von der Wirklichkeit sozusagen nur eine Schicht, den ihm zugänglichen, d. i. rationalen Text der Wirklichkeit abzulesen; der Wirklichkeit als Ganzem steht er ratlos gegenüber. Die große Aufgabe des Verstandes ist die Ordnung der Wirklichkeiten, eine Orientierung unter ihnen. Er geht auf das Allgemeine, Gesetzmäßige, Begriffliche der Erscheinungen, er stellt fest und rückt seine Erfahrungen ins Zeitlose. Die Ergebnisse des Verstandes sind darum das Unwirkliche und seine vollkommenste Frucht, die Wissenschaft, ist dem Wesen der Wirklichkeit gerade entgegengesetzt. Nun kann aber bloß eine Wirklichkeit in der Lebensfülle ihres rational-irrationalen Jetzt für uns Bannquelle sein. Ideen, Gesetze, Lehrsysteme haben keine Wirklichkeitsschwere und darum auch keine Bannkraft, wiewohl sie als ordnende und erinnernde Zeichen eine Wirklichkeit sinnfälliger machen können. Der Gedanke z. B., daß die Inder die Kuh verehren, ist keine Wirklichkeit und hat auch keine Bannkraft; aber die Verehrung der Kuh in diesem Augenblick irgendwo in Indien unter lebenden Menschen, das ist Wirklichkeit und kann Bannkraft haben. So ist auch Religions Übung Wirklichkeit, Religions 1 e h r e aber ist unwirklich. Nur für das an sich Unwirkliche gilt die Frage, ob es wahr oder falsch ist; für die Wirklichkeit gibt es lediglich ein Da-Sein. Was wir wahr und falsch nennen, sind ge- 43 633

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