Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Der Bann der Wirklichkeit
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 632 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Friedrich Thieberger verbündet. Darum ist die Steigerung der Suggestion die Hypnose, die Steigerung des Bannes aber die Erweckung. Eine Suggestion kann ja auch nur von einem Willensträger mit seiner ganz bestimmten Absicht ausgehen, dagegen kann man ebenso im Banne eines Kunstwerkes, eines Stiles, einer Landschaft stehen wie im Bann eines wollenden Wesens, bei dem übrigens weniger die auf uns gerichtete Sphäre des Willens, als das allgemeine Sein von Entscheidung ist Und weiter: Der im Bann Stehende fühlt in sich deutlich das Für und Wider der Motive, das Spiel des Wählens; nur daß er leidenschaftlicher als sonst dahin oder dorthin das Übergewicht verlegt. Aber dem in der Suggestion Wollenden fehlt auch nur die Möglichkeit einer Wahl. Für den Lebenswert des Bannes vollends bleibt am bedeutsamsten seine Kraft, immer neue, ungeahnte Teile des Lebens in den einen Mittelpunkt hineinzureißen. Das Entdeckerische, Ordnende, Umfassende scheidet endgültig den Bann von der schmalen Starrheit der Suggestion. Freilich ein Einwand bleibt immer noch aufrecht: ob man von Freiheit sprechen dürfe, wo eine äußere Macht die Willensrichtung mitbestimmt. Die Frage ist nicht nur für die Erkenntnis unseres Willens wichtig, sondern für die Erkenntnis der Bedingungen, unter welchen ein Bann uns ergreift, also der Wirklichkeit, in welcher sich unser tätiges Leben bewegt. Der verdunkelte Begriff der Wirklichkeit, der in der heutigen Kunst und Philosophie immer mehr sein Recht fordert, bedarf gerade in unserem Zusammenhange einer Erhellung. Vielleicht darf zunächst vom Worte ausgegangen werden. Das Wirkliche ist das Wirkende. Allerdings meldet sich sogleich eine Einschränkung. Ein Mensch wie Rousseau wirkt zwar auch noch 100 Jahre nach seinem Tode, aber doch nur als Nachwirkung nicht mehr bestehender Wirklichkeit oder durch ein Wort und Buch, dessen Autorname Rousseau ist Zur Wirklichkeit selbst gehört es, gegenwärtig zu sein. Das Aktuelle, das Jetzt ist ihre wesentlichste Eigenschaft. Wirklichkeit ist Dasein, Leben; also nicht bloß „Ding'Üchkeit oder „Sach'lichkeit, sondern jede Form des Lebens, auch das Unräumlich-Geistige, das sich in diesem Augenblick in uns begibt, ist wirklich. So werden die zwei Hauptformen deutlich: die spürbare Wirklichkeit meines Bewußtseins und die erfahrbare der Welt um mich. Zwischen beiden besteht eine stete Verbindung. Denn mein Bewußtsein ist ohne die Wirklichkeiten um mich herum leer, diese erst bestimmen meine Haltung, sie bannen und erwecken mich. Freiheit oder Unfreiheit des Willens läßt sich also nicht danach ermessen, ob die Wirklich- 632