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Der Morgen · 1930-02-01 · Heft 6 (Februar 1930) · p. 627

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 6 (Februar 1930)
Article
Die neueren Strömungen in der Psychologie in ihrer Bedeutung für die heutige Seelsorge
Date
1930-02-01
Page
627 (sequence 13)
Language
German
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Die neueren Strömungen in der Psychologie in ihrer Bedeutung für die heutige Seelsorge Und endlich und entscheidend berühren sich Psychotherapie und Seelsorge da, wo es sich um die Grundaufgabe handelt, den Menschen wieder auf den „richtigen" Weg zu bringen, sein Leben wieder auf ein Ziel zu richten. Wo liegt dieses Ziel? Diese Frage kann weder die Psychoanalyse noch die Individualpsychologie klar beantworten. Neurose bedeutet eine verkehrte Lebenshaltung, eine falsche Einstellung zur Welt, zum Leben, zum loh. Was ist aber „richtige" Lebenshaltung? Die Psychoanalyse will die Hemmungen auflösen, welche den Menschen am richtigen Leben hindern, sie will die Konflikte, die sich auf dem Boden des Ich abspielen, die Verdrängungen, zu welchen die Konflikte geführt haben, beseitigen; sie will dem Ich, dem die volle Verfügung über die Triebkräfte genommen ist, die ganze Herrschaft über diese wiedergeben: Aber was soll das Ich mit diesen Triebkräften anfangen? Die Individualpsychologie will den Menschen dahin führen, daß er nicht mehr ausweicht, daß er sich dem Leben und seinen Anforderungen offen entgegenstellt; sie will ihn zu rücksichtsloser Offenheit sich selbst gegenüber führen, sie will ihm Mut geben, dem unendlichen Wagnis des Lebens zu begegnen, sie will ihn zur Erfüllung der Lebensaufgaben fähig machen, und sie sieht diese Lebensaufgaben mit praktischem Sinn durchaus richtig in der Erfüllung des Berufs* in dem Führen einer Ehe und in dem Anschluß an die Gemeinschaft Aber sie vermag einmal diese Aufgaben nicht zu begründen, zum anderen aber nicht die Inhalbe aufzuzeigen, welche das Gemeinschaftsleben erfüllen sollen und die im persönlichen Leben alle Entscheidungen fundieren können. Der Arzt, der den Menschen, der „falsch" lebt, zu richtigem Leben führen will, der ihm einen Halt bieten möchte, muß zu den verschiedenen Lebensfragen weltanschaulich Stellung nehmen. Wenn Neurosenheilung immer eine innere Umwandlung des Kranken bedeutet, wenn er sein bisheriges Lebensziel und. seine Art zu leben aufgeben soll, so handelt es sich immer darum, ihm neue Lebensziele zu zeigen. Immer und überall heißt es, seinem Leben eine Weltanschauung zu geben; das heißt nicht, daß der Arzt dem Kranken seine eigene Weltanschauung aufzwingen soll, wenn freilich auch ein gemeinsamer weltanschaulicher Boden die Arbeit erleichtert; ihn aber überhaupt auf den Weg der Weltanschauung zu führen, ist eine sehr wichtige Aufgabe. Von hier aus wird erst verständlich, wie eng heute die Zusammenarbeit 627

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