Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Die neueren Strömungen in der Psychologie in ihrer Bedeutung für die heutige Seelsorge
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 628 (sequence 14)
- Language
- German
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E. Stern: Die neueren Strömungen der Psychologie in ihrer Bedeutung für die heutige Seelsorge zwischen Arzt und Seelsorger1) in manchen Kreisen ist; sowohl in protestantischen wie in katholischen Kreisen haben sich Arbeitsgemeinschaften zwischen Theologen und Medizinern gebildet, die sich die Erörterung; psychologischer, psychotherapeutischer und seelsorgerischer Fragen zur Aufgabe gemacht haben und die auch bei der Behandlung einzelner Fälle in der Praxis gelegentlich zusammenarbeiten. Man wird betonen müssen, daß die neuere Psychologie für den Seelsorger gerade deshalb von so großer Bedeutung ist, weil sich in den „normalen" Lebensschwierigkeiten die gleichen inneren Hemmaingen und Konflikte ausdrücken wie in der Neurose. Ja, man wird ihier darauf hinweisen müssen, daß die Scheidung zwischen den „normalen" Schwierigkeiten und der Neurose durchaus nicht immer leicht ist: Es gibt keine scharfe Grenze zwischen gesund und krank. In einem nun ist der Seelsorger dem Arzt erheblich überlegen: Er ist im Gegensatz zum ärztlichen Psychotherapeuten imstande, eine feste religiös fundierte Weltanschauung an den Kranken heranzubringen. Freilich, das darf man nicht übersehen, besteht hier die Gefahr, daß sich die Grenzlinien zwischen ärztlicher und seelsorgerischer Tätigkeit etwas verwischen, eine Gefahr, der beide Teile mit gutem Willen, mit Takt und Verständnis begegnen können: Dem Arzt werden unbedingt die ausgesprochen Kranken zufallen müssen, aber daneben besteht die Seelsorge doch als vollkommen gleichwertig und gleichberechtigt. Ihre Aufgabe wird es sein, helfend einzugreifen, wo es sich um allgemein-menschliche Verwickelungen handelt. Die neue Psychologie weist hier wesentliche Zusammenhänge und Wege des Handelns auf. Aber noch etwas Weiteres gibt sie allen Beteiligten und Interessierten: Eine vollkommen andere Einstellung zum Mitmenschen, eine natürliche Haltung, frei von Voreingenommenheiten, die doch immer in eigener Beschränktheit verwurzelt sind. Sie öffnet den Blick für den anderen Menschen und beseitigt die Hemmungen, die wir als Arzt oder als Seelsorger, als Richter oder als Erzieher dem Anderen gegenüber haben; sie bringt uns die Aufgaben wieder zum Bewußtsein, die wir erfüllen sollen; sie macht uns als Handelnde frei für die Hingabe und Liebe. Kommen zu dieser Liebe und dem Wissen hinzu Glaube und Frömmigkeit, nicht jene Frömmigkeit, die den Menschen einengt, sondern jene, die ihm befreit, dann sind die Vorbedingungen für wahre Hilfeleistung geschaffen. *) Vgl. hierzu die Schriftenreihe „Arzt und Seelsorger" (Schwerin, Bahn) von protestantischer, und die Sammelbände „Religion und Seelenleiden" (Düsseldorf, Schwann) von katholischer Seite. 628