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Der Morgen · 1930-02-01 · Heft 6 (Februar 1930) · p. 626

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 6 (Februar 1930)
Article
Die neueren Strömungen in der Psychologie in ihrer Bedeutung für die heutige Seelsorge
Date
1930-02-01
Page
626 (sequence 12)
Language
German
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Erich Stern Gründen: Die Lebensverhältnisse sind schwieriger als ehedem, und damit wird für zahllose Menschen gleichsam die Schwelle dessen überschritten, was sie, ohne zu erkranken, noch ertragen können. Zum anderen, aber bedeutet eine festgegründete Weltanschauung immer einen — zwar keineswegs absoluten, aber doch gewissen — Schutz gegen die Neurose. Und das ist ja gerade das wesentliche Kennzeichen der gegenwärtigen Kulturlage, daß diese fest gegründete Weltanschauung nicht mehr besteht Der Naturalismus, der lange Zeit hindurch herrschte und auch die Massen beherrschte, und der jetzt stark erschüttert ist, war nicht imstande, dem Menschen einen Halt in den Lebensschwierigkeiten zu bieten; er hat die Religion aufgelöst, ohne etwas anderes an ihre Stelle setzen zu können. In der Philosophie geht der Kampf noch um eine Neubegründung der Weltanschauung, aber diese philosophische Weltanschauung wird doch immer nur wenigen zugänglich sein und das Leben einer auserlesenen Schar bestimmen. Wirklichen Halt zu bieten vermag nur die religiös fundierte Weltanschauung. Und wenn wir auch eine stark religiöse Welle, ein religiöses Verlangen in der Gegenwart spüren, so stehen weite Kreise doch immer noch unter dem Einfluß des Naturalismus und können sich nicht zur Religion bekennen. Wo sie aber im Leben auf Widerstände und Schwierigkeiten stoßen, da muß die durch den Mangel an Weltanschauung geschaffene Halt- und Richtungslosigkeit sich besonders deutlich offenbaren. Hier ergibt sich also ein weiterer sehr wesentlicher Zusammenhang zwischen Psychotherapie und Seelsorge. Der Mangel an Glauben bedeutet ein gewiß nicht zu unterschätzendes Moment, das bei der Neurosenentstehung mitwirkt Es gibt zwar für den religiösen Menschen besondere Formen der Neurose. Der Glaubenszweifel und das Schwanken zwischen Zweifel und Gewißheit, der religiöse Skrupel, religiös bedingte Zwangs- und Angstzustände — aber diese treten an Bedeutung doch wohl zurück gegenüber der schützenden Kraft des Glaubens. Daß viele Neurosen dann wieder zu einer Erschütterung des Glaubens führen, muß zugegeben werden. Aber auch hier sind Psychoanalyse und Individualpsychologie imstande, die tieferen Zusammenhänge, aus denen die Erschütterung des Glaubens, aus denen Zweifel, Skrupel, Zwangs- und Angstzustände hervorgehen, aufzuzeigen. Darüber hinaus erwächst aber das Problem, den psychologischen Grundlagen der gegenwärtigen Kultursituation nachzuspüren. Hier liegen wertvolle Ansätze vor, sowohl aus der Freudschen wie aus der Adlerschen Schule. 626

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