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Der Morgen · 1930-02-01 · Heft 6 (Februar 1930) · p. 625

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 6 (Februar 1930)
Article
Die neueren Strömungen in der Psychologie in ihrer Bedeutung für die heutige Seelsorge
Date
1930-02-01
Page
625 (sequence 11)
Language
German
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Di© neueren Strömungen der Psychologie in ihrer Bedeutung für die heutige Seelsorge Stellungen der Psychoanalyse, die aus ihrer Perspektive heraus das Eigentümliche des Religiösen, ja des Werterlebens überhaupt nicht sieht, aber wir dürfen doch nicht übersehen, daß auch in diesen höchsten Erlebnissen triebhafte Komponente stecken. Die Psychoanalyse macht einen großen Fehler: Sie verwechselt das religiöse Erlebnis und seine Entwicklung im einzelnen Menschen mit dem Wertgehalt des Erlebnisses. Wir sind Menschen, und das religiöse Erlebnis kann sich in uns nur natürlich, menschlich aufbauen, wobei alle menschlichen Regungen in dieses Erlebnis hineinspielen müssen. Aber damit ist nichts darüber entschieden, ob wir in diesem Erlebnis eine Wirklichkeit erfahren, die weit über das hinausreicht, was wir im allgemeinen als Wirklichkeit bezeichnen. Eine Erkenntnis des Aufbaus der religiösen Erlebnisse entscheidet nicht über dessen Wert- und Wahrheitsgehalt Wir dürfen nicht übersehen, was die Analyse gerade für das Verständnis der Motive, der Hemmungen und Sperrungen des einzelnen Menschen leistet Es gibt zahlreiche Gründe, die den Menschen von der Religion fernhalten und ihn in Widerspruch mit ihr leben lassen, und ebenso zahlreiche, die ihn zur Religion hinführen.1) Diese Gründe zu analysieren, dazu können Psychoanalyse und Individualpsychologie wichtige Dienste leisten; sie sind wie keine anderen psychologischen Richtungen geeignet, in die Lebenszusammenhänge und Lebensverwicklungen hineinzuleuchten und so die Grundlagen für die Hilfeleistung zu schaffen. Man hat davon gesprochen, daß die Zahl der Neurosen heute weitaus größer sei als in früheren Zeiten. Es ist schwer, dies zu beweisen oder zu widerlegen. Aber man muß sich verschiedene Momente vergegenwärtigen. Das, was wir als Neurose bezeichnen, wurde früher vielfach als Krankheit überhaupt nicht anerkannt, ja es gibt auch noch Kreise, welche den krank1haflen Charakter der hier gegebenen Veränderungen nicht zugeben wollen. Zugenommen hat aber doch die Einsicht, daß es sich hier um Störungen handelt, die durch richtige Therapie beeinflußt werden können. Die mannigfachen Lebensnöte und Lebensschwierigkeiten wurden von den Menschen selbstverständlicher hingenommen, die Leidenswilligkeit war eine größere. Aber sicher ist auch, daß der Inhalt der Neurose, wenn ich mich einmal so ausdrücken darf, der Inihalt der Konflikte ein anderer war, weil eben andere Fragen den Menschen beschäftigen als heute. Man kann aber auch annehmen, daß die Zajhl der Neurosen sicli vermehrt hat, und zwar vorwiegend aus zwei 1) Ich darf hier auf meine in Kürze erscheinende Untersuchung „Krankheit und religiöses Erleben" hinweisen. 625

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