Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Die neueren Strömungen in der Psychologie in ihrer Bedeutung für die heutige Seelsorge
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 624 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895483-2895490-2900309--04102-2900425- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Erich Stern Es besteht nun freilich ein deutlicher Unterschied zwischen, religiös fundierter Seelsorge und medizinisch fundierter Psychotherapie, ein Unterschied, der indessen nicht so tief geht, wie zunächst vielleicht angenommen werden mag. Dem Psychotherapeuten kommt es darauf an, dem Menschen seine seelische Gesundheit wiederzugeben. Er nimmt an, daß ihm dann ein „richtiges" Leben möglich sein wird. Seelisch gesund ist der Mensch, der voll arbeitsfähig und arbeitsfreudig ist, der Freude am Leben hat und der imstande ist, die allgemeinen Lebensaufgaben (Adler nennt außer dem Beruf noch Ehe und Anschluß an die Gemeinschaft) zu erfüllen. Der Seelsorger will aber noch mehr: Er ist durchdrungen von den religiösen Werten, er glaubt, daß richtiges Leben nur da möglich sei, wo das Leben durchglüht ist von dem Glauben, wo es hingewandt und hingegeben ist an ein höchstes Wesen, wo es ein Leben „sub specie aeternitatis" ist, ein Leben^ in dem vieles in den Hintergrund tritt und unwichtig erscheint, was andere Menschen bewegt Für den Seelsorger ist „richtiges" Leben ein frommes Lieben, und wenn er helfend in das Leben des anderen Menschen eingreift, dann spielt in sein Bemühen doch immer der Gedanke hinein, den Menschen auf den Weg der Frömmigkeit zu bringen, auf den Weg zu Gott, und ihn durch den Glauben aufzurichten und zu trösten. Dieser Gedanke ist auch da noch treibend, wo er unausgesprochen bleibt, und wo das religiöse Motiv sich hinter dem allgemein-menschlichen verbirgt. Aber schon dieses Bemühen des Seelsorgers, das, wie noch zu zeigen sein wird, der Psychotherapie durchaus nahesteht, setzt eine ganz tiefgehende Kenntnis des anderen Menschen voraus. Und diese Kenntnis vermitteln dem Seelsorger in erster Linie Psychoanalyse und Individualpsychologie. Wasdiese beiden Richtungen auszeichnet, das ist die Lebensnähe, die Erfassung der wirklichen Motive und Motivzusammenhänge, der Verwickelungen des realen Lebens. Der Seelsorger wird gewiß der Psychoanalyse in vielen Punkten kritisch gegenüberstehen, so etwa da, wo sie es unternimmt, das Phänomen „Religion" aus den Trieberlebnissen abzuleiten, in dem Glauben, in Gott nur den verdichteten Vaterkomplex zu sehen, wo sie jeden Drang des Menschen nach Höherem, nach Vollendung einfach negiert und in ihm nur eine Ver~ drangungserscheinung sieht1) Wir bestreiten in dieser Beziehung die Auf-!) Vergl. hierzu Freud, „Die Zukunft eine Illusion", Leipzig-Wien 1927. Siehe auch das schöne Buch von Edgar Michaelis, „Die Menschheitsproblematik der Freudschen Psychoanalyse", Leipzig 1926. 624