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Der Morgen · 1930-02-01 · Heft 6 (Februar 1930) · p. 623

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 6 (Februar 1930)
Article
Die neueren Strömungen in der Psychologie in ihrer Bedeutung für die heutige Seelsorge
Date
1930-02-01
Page
623 (sequence 9)
Language
German
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Die neueren Strömungen in der Psychologie in ihrer Bedeutung für die heutige Seelsorge sicher auch weniger klar formuliert und nicht so deutlich ausgesprochen sind. Aber was anders bedeutet denn jene von der Psychoanalyse festgestellte Tatsache, daß beim Neurotiker die Verdrängung oder Erledigung bestimmter Triebkonflikte nicht geglückt sei, daß das Realitätsprinzip sich nicht genügend durchgesetzt habe, als daß früher durchlebte Konflikte fortbestehen, daß primitivere Lebensformen in das aktuelle seelische Geschehen hineinspielen', daß der Mensch nicht zu dem für den Erwachsenen erforderlichen Maß von „Freiheit" gekommen ist, daß er „falsch" lebt. Auch für die Psychoanalyse ist Neurose ein falsches Leben, ein Leben, das der Wirklichkeit nicht angepaßt ist; und Psychotherapie, seelische Krankenbehandlung bedeutet sowohl für die Individualpsychologie wie für die Psychoanalyse den Versuch, diese Wirklichkeitsanpassung herbeizuführen, den Kranken zur Aufgabe seines „falschen" Lebens zu bringen, ihn zu einem „richtigen" Leben fähig zu machen. Hier ist nun der Punkt, wo die Seelsorge Interesse an der neuen Psychologie gewinnen muß, einer Psychologie, die gewiß noch nicht abgeschlossen ist, sondern die erst entsteht. Denn darüber kann kein Zweifel sein, daß die Zukunft der Psychologie nicht darin liegt, daß irgendeine einzelne Richtung endgültig triumphieren wird, sondern darin, daß das Wertvolle und Wahre aus den verschiedenen Richtungen zu einer Synthese gebracht wird.1) Jede Psychologie legt ihren Erörterungen ein Bild des Menschen zugrunde, ein Bild, das notwendig einseitig ist; erst die zukünftige Psychologie wird dieses Bild seiner Einseitigkeiten berauben. Was will denn alle Seelsorge? Auch sie greift ja nur, oder wenigstens in erster Linie, da ein, wo der Mensch „auf falschem Wege wandelt", wo Sorgen, Kümmernisse, Beschwerden, wo innere Konflikte und Reibungen ihn nicht zu einem richtigen Leben kommen lassen. Auch sie hat schließlich kein anderes Bemühen, als den Menschen auf diesen rechten Weg zu führen, ihn empfänglich zu machen für das Erleben der höchsten und letzten Werte und, wo diesem Erleben Hemmungen entgegenstehen, seinem sinnlos gewordenen Leben wieder Sinn zu geben. Der Glaube soll dem Menschen innere Freiheit und Ruhe, Halt und Sicherheit im Leben geben. Wir sehen davon ab, daß in seiner geschichtlichen Verwirklichung nicht immer dieses Ziel erreicht worden ist, daß vielmehr die Religion dem Menschen auch manche Qualen, und nicht die geringsten, bereitet hat.!) Vergl. hierzu meinen Sammelbericht „Allgemeine Psychologie" in: Fortschritte der Psychiatrie und Neurologie 1929, Bd. I. 623

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