Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Die neueren Strömungen in der Psychologie in ihrer Bedeutung für die heutige Seelsorge
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 622 (sequence 8)
- Language
- German
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Erich Stern für die Gesamtentwicklung des Menschen und der Menschheit ungemein Wichtiges, er ist die Grundlage aller höheren Kulturentwicklung. Die Kultur hat eben auch biologische Grundlagen. Wo der Konflikt zwischen dem Ich und den Sexualtrieben ungelöst bleibt, wo der Triebverzicht nicht gelingt, da muß es im späteren Leben zu Störungen, zur Neurose kommen. Ganz anders stellt sich das Problem in der Individualpsychologie Alfred Adlers dar.1) Für ihn bedeutet die Neurose eine Kompensation der Minderwertigkeitsgefühle, eine Hypertrophie des Geltungsverlangens, eine Störung der Beziehungen des Individuums zur Gemeinschaft Die Grundlagen für diese Erlebnisse sind bei allen Menschen gegeben; es gibt keinen Menschen, der sich in jeder Beziehung im Ausgleich mit den menschlichen Gemeinschaften, in denen er steht, befände. Keinen, der nicht irgendwie andern Menschen unterlegen wäre. Besonders ausgesprochen ist die Unterlegenheit beim Bande, das ja tatsächlich vollkommen von seiner Umgebung abhängt. Zu diesen soziologischen kommen organische Minderwertigkeiten, Schwäche- und Minderwertigkeitsgefühle aus der Schwäche und Minderwertigkeit bestimmter Organe und Organfunktionen. Aber, und hier liegt das Wesentlichste der Adlerschen Grundanschauung, es kommt schließlich nicht auf diese Minderwertigkeiten an, sondern darauf, wie das Individuum sich zu ihnen stellt Aus den Minderwertigkeiten kann das Individuum etwas ganz verschiedenes machen: Es kann versuchen, ihrer Herr zu werden und so durch Training zu besonderer Leistu^gs1fähigkeit und Stärke gelangen, oder es kann sich von ihnen beherrschen lassen, kann unterliegen und dann auf einen Weg geführt werden, der es in Konflikte verwickelt Die in der Wirklichkeit oder in der Einbildung vorhandene Schwäche kann das Individuum dahin führen, daß es ausweicht, daß es auf eine Auseinandersetzung mit dem Leben, mit der Realität verzichtet und das Leben auf einen „Nebenkriegsschauplatz" verlegt, — neurotisch erkrankt Die Neurose bedeutet also in der Auffassung Adlers eine falsche Art zu leben. Betrachtet man von hier aus einmal die Psychoanalyse Freuds, so wird man ganz verwandte Gedankengänge dort feststellen können, wenn sie x) Zur Einführung in die Individualpsychologie kann heute empfohlen werden: Wexberg, „Individualpsychologie", Leipzig 1928; Adler, „Menschenkenntnis", III. Aufl. 1928; Adler, „Technik der Individualpsychologie", München 1928; Lazarsfeld, „Technik der Erziehung", Leipzig 1928; schon etwas höhere Anforderungen an den Leser stellt Künkel, „Einführung in die Charakterkunde auf individualpsychologischer Grundlage", Leipzig 1928 und „Vitale Dialektik", Leipzig 1930. 622