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Der Morgen · 1930-02-01 · Heft 6 (Februar 1930) · p. 621

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 6 (Februar 1930)
Article
Die neueren Strömungen in der Psychologie in ihrer Bedeutung für die heutige Seelsorge
Date
1930-02-01
Page
621 (sequence 7)
Language
German
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Die neueren Strömungen der Psychologie in ihrer Bedeutung für die heutige Seelsorge die Neurose selbst nur aus dem Sexuellen her, sondern immer aus einem Konflikt zwischen dem Ich und dem Sexuellen, wobei dem Ich ein sehr erheblicher Anteil zufällt1) Der Ahlauf des seelischen Geschehens folgt, nach psychoanalytischer Auffassung, dem Lustprinzip: der Mensch sucht der Unlust überall und immer zu entgehen, die bestehenden Spannungen aufzuheben und Lust an ihre Stelle zu setzen. Zur Befriedigung seiner aus dem eigenen Innern stammenden Triebansprüche ist der Mensch auf die Außenwelt angewiesen; diese ist indessen nicht so beschaffen, daß sie die Triebbefriedigung immer auf dem nächsten Wege ermöglicht. Es kann im Gegenteil gesagt werden, daß der Mensch sehr bald in Konflikt mit der Außenwelt geraten würde, wenn er zu unmittelbarer Triebbefriedigung schreiten wollte; das würde aber bedeuten, daß er zwar momentan Lust erlangt, wenn er den Trieb befriedigt, daß er? aber später eine sehr viel intensivere Unlust erleiden würde. Er muß lernen, auf die Befriedigung zahlreicher Triebregungen zu verzichten. Das bedeutet eine Anpassung an die Realität, zu welcher die Erziehung den Menschen in einem immer steigenden Maße führen muß; sie muß dem Realitätsprinzip Geltung verschaffen. Dieses bedeutet durchaus nicht etwas prinzipiell vom Lustprinzip Verschiedenes, sondern nur eine Abwandlung desselben. Verfolgt man den Konflikt zwischen dem Ich und den Triebansprüchen näher, so wird man darauf geführt, daß die Wurzeln dieses Konfliktes in der frühen Kindheit zu suchen sind. Zu den wichtigsten psychologischen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte gehört unzweifelhaft die Entdeckung des Ödipuskomplexes, der Bindungen, die zwischen Kind und Eltern bestehen.2) Wie das Kind mit diesem „Komplex" fertig wird, das entscheidet weitgehend darüber, ob der Mensch im späteren Leben seelisch gesund bleibt oder neurotisch erkrankt Hier liegt gleichsam der Urkonflikt und der Urverzicht, an den sich alle weiteren Lebenskonflikte und Verzichte anreihen. Der Triebverzicht, der dem Menschen auferlegt ist, bedeutet zweifellos — auch darauf hat die Psychoanalyse mit Recht hingewiesen — etwas x) Vergl. zu dem Problem der sexuellen Entwicklung vor allem Freuds „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" (Wien 1908). Interessante Bemerkungen hierzu auch in Freuds kleiner Schrift „Die Frage der Laienanalyse" (Wien 1926). 2) Es ist dabei vollkommen gleichgültig, ob man den Ödipuskomplex rein sexuell ausdeutet, wie es die strenge Psychoanalyse tut, oder ob man mehr allgemein die gefühlsmäßigen, Beziehungen zwischen Kindern und Eltern betrachtet, das Bestreben des Kindes, den Vater bezw. die Mutter ganz allein für sich zu haben. 62t

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