Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Die neueren Strömungen in der Psychologie in ihrer Bedeutung für die heutige Seelsorge
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 620 (sequence 6)
- Language
- German
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Erich Stern dizin entwickelt haben; sie waren ursprünglich Wege, um das neurotische Geschehen dem Verständnis näher zu bringen und die Neurose zu behandeln. Dabei wird das neurotische Geschehen von beiden Anschauungen verschieden aufgefaßt, obwohl auch gemeinsame Züge nicht fehlen. Betonen wir diese zuerst, so muß gesagt werden, daß beide neben dem bewußten seelischen Geschehen ein Unbewußt-Seelisches annehmen, das in das Bewußte hineinstrahll und den Bewußtseinsablauf tiefgehend beeinflußt. Die Psychoanalyse will aber das neurotische Geschehen verständlich machen, indem sie, kausal forschend, nach Art der Naturwissenschaften, die ursächlichen Zusammenhänge, die zur Neurose geführt haben, freizulegen versucht; die Individualpsychologie hingegen fragt, was die Neurose bezweckt, bezw. was der Mensch mit seiner Neurose bezweckt, sie ist also final eingestellt Aber auch sie kann die Frage nach den auslösenden Erlebnissen nicht entbehren., wie auch die Psychoanalyse die Frage nach dem „Sinn" der Symptome nicht umgehen kann. Beide Richtungen werden in ihrer Betrachtung der Neurose auf die frühe Kindheit geführt, in der die eigentlich krankheits-verursachenden Erlebnisse zu suchen sind; freilich, und hier liegt nun der entscheidende Gegensatz, finden sie diese in verschiedenartigen Kindheitserlebnissen. Es ist durchaus falsch, wenn man der Psychoanalyse1) vorgeworfen hat, sie kenne überhaupt nur den Geschlechtstrieb und führe alle Erlebnisse, alle Störungen lediglich auf diesen zurück. Richtig ist, daß die Psychoanalyse die Bedeutung triebhafter Erlebnisse vor allem auch die Bedeutung des Geschlechtstriebs für den Ablauf des seelischen Geschehens betont hat, — und dies in einer Zeit, in welcher man der Sexualität in der Wissenschaft überhaupt keine Beachtung schenkte und in der es verpönt war, über sexuelle Dinge auch nur zu reden — sie hat weiter gezeigt, daß der Einfluß triebhafter Erlebnisse sich sehr weit erstreckt und daß auch noch in den „höchsten" Erlebnissen, die der Mensch kennt, triebhafte Komponenten enthalten sind; das Unbewußte, das Triebhafte bildet den Untergrund alles Lebens und setzt sich bis in all seine Verästelungen fort Die Psychoanalyse leitet aber nie x) Die beste Einführung in die Psychoanalyse stellen auch heute noch Freuds „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse" dar, die seit ihrem ersten Erscheinen 1917 wiederholt aufgelegt worden sind. Dann ist vor allem zu nennen, Pf isters „Psychoanalytische Methode", das 1924 in III. Auflage erschienen ist (Leipzig, Klinkhardt). Für den, der sich tiefer mit der Psychoanalyse beschäftigen will, ist das Studium der Hauptwerke Freuds und seiner Mitarbeiter unerläßlich. Einen großen kritischen Überblick über die Psychoanalyse gibt das von Hans Prinzhorn herausgegebene Sammelwerk „Auswirkungen der Psychoanalyse in Wissenschaft und Leben", Leipzig, Neuer Geistverlag, 1928. 620