Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Die neueren Strömungen in der Psychologie in ihrer Bedeutung für die heutige Seelsorge
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 619 (sequence 5)
- Language
- German
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Die neueren Strömungen in der Psychologie in ihrer Bedeutung für die heutige Seelsorge Grundhaltungen gegeben, angelegt sind, sich aber in verschiedener Art zusammenordnen; irgendeine der möglichen Einstellungen wird die Führung übernehmen und die anderen in ihrer Ausprägung bestimmen; vorhanden ist aber jede Grundeinstellung bei jedem Menschen. Das gilt zweifellos auch für das Religiöse; es gibt wohl kaum einen Menschen, der religiöser Erlebnisse nicht fähig wäre. Freilich ist der Ausgangspunkt, von dem jeder Einzelne zur Religion kommt, ein ganz verschiedener, und wie alle Erlebnisse, so bedürfen auch die religiösen der Anregung; gegeben ist immer nur die Anlage — ob sie sich verwirklicht, das hängt ab von der Möglichkeit der Betätigung, von den Einwirkungen der Umwelt, von der Erziehung.1) Gerade die Untersuchungen der geisteswissenschaftlichen Psychologie haben Notwendigkeit und Bedeutung der Erziehung besonders geklärt Trat das Religiöse lange Zeit hindurch im Erleben der Menschen in den Hintergrund, — es blieb doch immer die religiöse Sehnsucht Ihr Nahrung zu geben und aus ihr echtes religiöses Leben zu entwickeln, das scheint mir eine ungemein wichtige Aufgabe aller Seelsorge zu sein. Die beiden anderen psychologischen Richtungen, die mir von ganz besonderer Bedeutung zu sein scheinen, die Psychoanalyse Freuds und die Indi,- vidualpsychologie Adlers suchen den Menschen gleichsam in den Niederungen des Lebens auf; sie wollen den Menschen aus seinem Triebleben heraus verstehen. Beide Richtungen haben sich auf dem Boden der Medizin entwickelt, beide stellten ursprünglich Methoden dar, seelisch kranke Menschen von ihren Leiden zu befreien, beide haben sich weiter ausgebreitet, und erheben heute Anspruch darauf, das menschliche Denken, Fühlen, Handeln, Wollen nach allen Richtungen hin durchleuchten zu können. Der Ausgangspunkt der Psychoanalyse ist ein anderer 'als der der Individualpsychologie, ihre ErUärungsprinzipien sind andere, und jede der beiden Lehren behauptet, daß sie allein im Besitz des richtigen Schlüssels zum Verständnis des Menschen sei; so bekämpft die eine Lehre die andere; das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß sie keineswegs einander ausschließen, daß sie vielmehr sehr wohl miteinander vereinbar sind, da jede von ihnen mit betonter, wenn vielleicht auch unbewußter Einseitigkeit eine Seite des Seelenlebens besonders hervorhebt Ich sagte schon, daß beide Lehren sich auf dem Boden der Me- *) Vergl. hierzu meinen Aufsatz „Die Bedeutung der religiösen Formen für die Erziehung", „Morgen", IV. Jahrgang, Nr. 5. 619 42*