Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Die neueren Strömungen in der Psychologie in ihrer Bedeutung für die heutige Seelsorge
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 618 (sequence 4)
- Language
- German
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Erich Stern der individuellen Seele, das Problem der „geistigen Struktur" der Seele in den Mittelpunkt der geisteswissenschaftlich-psychologischen Forschung. Diese Psychologie ist zweifellos ein sehr wesentlicher Beitrag zu den Fragen der Menschenkenntnis und zur Technik der Menschenbehandlung; denn jenes allgemeine Problem des strukturellen Aufbaus der Seele und der Beziehungen des Menschen zur geistigen Welt läßt sich auch auf das konkrete Individuum anwenden: wie ist dieses bestimmte Individuum seelisch aufgebaut, wie ist seine Stellung zur geistigen Welt, wo findet es den Schwerpunkt, das Zentrum seines Lebens? Diese Auffassung ergreift den Menschen gleichsam von oben her, von den überpersönlichen Zusammenhängen aus, in die er hineinreicht; sie steigt nicht hinab in die Niederungen der rein vitalen Sphäre, des Triebhaften. Von dem Problem einer praktischen Seelsorge ausgehend, ergeben sich nun eine Reihe wertvoller Einsichten. Das Religiöse bildet eine wichtige Sphäre des Geistig-Kulturellen, des Reiches der Werte. Welche Stellung nimmt der Mensch zu dieser Sphäre ein, wie erlebt er das Religiöse, was bedeutet ihm das Religiöse innerhalb dessen, was sein Leben erfüllt? Die geisteswissenschaftliche Psychologie hat eine Reihe typischer Haltungen zur geistigen Welt herausgearbeitet, sie hat klargestellt, daß es einen besonderen Menschentypus gibt, dem das Religiöse höchsten Lebensinhalt, Mittelpunkt des Lebens bedeutet, daß das Religiöse gleichsam die Form für sein Leben abgibt1), daß aber die religiöse Lebensform nicht die einzige ist, sondern nur eine neben anderen. Es ist also nicht möglich, aus jedem einen Menschen zu machen, dessen ganzes Leben um das Religiöse kreist und nur von hier aus seinen Sinn empfängt Wollte man dies versuchen, so würde man vielen eine Lebensform gleichsam aufdrängen, die ihnen wesensfremd ist; das muß man auch bei der Erziehung sehr wohl beachten, besonders bei der Erziehung in religiös geleiteten Anstalten: Hier wird das Religiöse bei vielen Zöglingen lediglich etwas rein Äußerliches bleiben, das sie abstreifen, sobald sie einmal die Anstalt verlassen haben. Kann man aber nicht aus jedem Einzelnen einen im letzten Sinne religiösen Menschen machen, so bedeutet dies doch in keiner Weise, daß religiöses Leben nicht auch jedem Menschen möglich wäre. Eduard Spranger hat vielmehr treffend gezeigt, daß bei jedem einzelnen Individuum alle typischen *) Vergl. hierzu Sprangers Hauptwerk, „Lebensformen, geisteswissenschaftliche Psychologie und Ethik der Persönlichkeit". VI. Aufl. Halle a.S. 1929. 618