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Der Morgen · 1930-02-01 · Heft 6 (Februar 1930) · p. 617

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 6 (Februar 1930)
Article
Die neueren Strömungen in der Psychologie in ihrer Bedeutung für die heutige Seelsorge
Date
1930-02-01
Page
617 (sequence 3)
Language
German
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Die neueren Strömungen der Psychologie in ihrer Bedeutung für die heutige Seelsorge die Jungsche Psychologie beiseite, so ergeben sich also vorwiegend drei Richtungen: geisteswissenschaftliche Psychologie, Psychoanalyse und Individualpsychologie, welche sich dem Problem der Menschenkenntnis, der Menschenbeurteilung und der Menschenbehandlung zu nähern versuchen. Die geisteswissenschaftliche Psychologie scheidet zwischen Seele und Geist; sie sieht im Geist eine nur dem Menschen eigentümliche Schicht des Bewußtseins, vermöge derer er in der Lage ist, eine Kultur aufzubauen, aufzunehmen und nacherlebend zu verstehen. Die Kultur, den objektiven Niederschlag geistigen Schöpfertums, bezeichnet sie als „objektiven Geist". Der menschliche Geist, und nur er allein ist in der Lage, Gebilde zu erzeugen, die sich von ihrem Schöpfer loslösen können, und die, wenn sie einmal geschaffen sind, ein Dasein nach eigenen Gesetzen führen. Verdanken die Kulturgebilde auch dem menschlichen Geist ihren Ursprung, so drückt sich in ihnen doch noch etwas mehr, und anderes aus; sie reichen hinein in eine überpersönliche Schicht, die Spranger1) als das Reich der ideellen Geltung bezeichnet Hier wurzeln alle die Normen, welche dem Menschen zwar zum Bewußtsein kommen, aber doch vom Bewußtsein auch als etwas ihm Gegenüberstehendes empfunden werden. In diese Schicht streben alle Kulturgebilde hinein, ohne sie je ganz zu erreichen. Alle Kulturgebilde sind in der Zeit und au einem bestimmten Ort entstanden,' sie sind raum-zeitlich, d.h. historisch, geworden und in ihrer Ausprägung dadurch bestimmt. Diese historische Prägung bedeutet aber eine Trübung, bedeutet ein Fernbleiben von dem absoluten Ideal. Der tiefste Sinn der Ringfabel in Lessings „Nathan" scheint mir der zu sein: Der wahre, echte Ring ging verloren, und an seiner Stelle erscheinen nun mehrere Ringe, von denen jeder als echt galt Das sollte den Menschen zur Toleranz jeder anderen Form des Denkens, Fühlens, Glaubens gegenüber führen. Die geisteswissenschaftliche Psychologie betrachtet den Menschen von dem Reich der Normen und Werte, des Geistes, der Kultur aus; sie sucht das Verhältnis des Menschen zu diesem Reiche aufzuweisen, sie bemüht sich nachzuzeichnen, wie die geistige Welt sich im Menschen aufbaut, wie geistig-kultureüe Gebilde geschaffen und erlebt werden; sie will zeigen, wie der Mensch seelisch strukturiert sein muß, um solcher Erlebnisse fähig zu sein. Damit tritt das Problem des Aufbaus x) Eduard Spranger, „Zur Theorie des Verstehens und der geisteswissenschaftlichen Psychologie". In Festschrift für Johannes Volkelt, Leipzig 1914- 42 6t7

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