Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Die neueren Strömungen in der Psychologie in ihrer Bedeutung für die heutige Seelsorge
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 616 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895483-2895490-2900309--04094-2900417- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Erich Stern gebiete und einzelne methodische Grundregeln — aber der Studierende erfuhr wenig über den Menschen, auf den er einmal einwirken sollte. Und dem Seelsorger erging es ähnlich; seine Ausbildung bezog sich auf eine Einführung in die Religionswissenschaft, aber er lernte kaum, wie er mit den Menschen umzugehen habe, die er später einmal betreuen sollte. Zweifellos hat diese Tatsache verschiedene Gründe. Zunächst einmal hielt man, entsprechend der ganzen geistigen Tendenz des vergangenen Jahrhunderts, die „objektive" Seite der genannten Berufe für wichtiger als die „subjektive"; so stand im Mittelpunkt des ärztlichen Tuns nicht etwa der kranke Mensch, sondern die Krankheit, ein vollkommen Abstraktes. Das wirkte sich auch schon bei der Berufswahl aus. Man wandte sich dem theologischen Beruf nicht zu, weil man ein seelsorgerisches Interesse hatte. Frömmigkeit wies auf das Studium der Theologie hin, der Umstand, in diesem Berufe nicht nur die Möglichkeit zu haben, sich tiefer mit religiösen Fragen zu beschäftigen, sondern auch religiös leben zu können, bestimmte; oft kam ein wissenschaftliches Interesse hinzu, besonders vielleicht im Judentum, wo religiöses Leben und „lernen" in enger Beziehung zueinander stehen. Jeder Mensch besitzt eine gewisse „natürliche" Psychologie, eine gewisse Menschenkenntnis und Fähigkeit, mit Menschen umzugehen; man hielt diese „naive Menschenkenntnis" auch ausreichend für die Berufsausübung, und vor allem glaubte man nicht, daß die Wissenschaft imstande sei, sie zu erweitern und zu vertiefen. Die Psychologie ihrerseits tat auch nichts, um dieses Vorurteil zu zerstreuen; sie experimentierte, entfernte sich vom wirklichen Leben, suchte nach Gesetzen des seelischen Geschehens, an dessen Peripherie sie forschte, während sie die eigentlich zentralen seelischen Vorgänge nicht in den Kreis ihrer Betrachtung zog. Für die Menschenkenntnis und die Menschenbehandlung leistete diese Psychologie nichts. Inzwischen entstanden aber innerhalb der Psychologie neue Grundanschauungen und Forschungsmethoden. Dabei ist es interessant zu beobachten, daß man sie nicht eigentlich Psychologen von Fach verdankt, sondern Forschern und Praktikern, die von den sie beschäftigenden Problemen aus auf psychologische Fragen geführt wurden. Von der geisteswissenschaftlich-historischen Forschung her kam Wilhelm Dilthey, auf den die heute so viel diskutierte geisteswissenschaftliche Psychologie zurückgeht, von der Medizin (also der Praxis) her kamen Freud, Adler, Jung, die Begründer der Psychoanalyse, der Individualpsychologie und der analytischen Psychologie. Lassen wir hier 616