Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 613 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament und sozialwissenschaftlichen Urteile von Menes kranken an einer unscharfen dilettantischen Handhabung der einfachsten nationalökonomischen Begriffe. Zu einem neuen vollgültigen Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte des antiken Judentums genügt, wenn nicht eine Ansammlung atomistischer Realiläten und Merkwürdigkeiten entstehen soll, die historische und sprach wissenschaftliche Tatsachenbeherrschung allein nicht Nur das enge Miteinander von durchgebildeter Wirtschaftstheorie mit methodisch sicherer Geschichtsschreibung kann eine klare Einsicht verschaffen in die uns hier beschäftigende, mit dem Religiösen noch unlöslich verknüpfte Welt der wirtschaftlichen und sozialen Zustände, vor allem in die vergangene Gedankenwelt von Wert, Ziel und Hergang der Handlungen im menschlichen Zusammenwirken, die wir Wirtschaften nennen. Wirtschaftstheoretisch zwar anspruchsvoller, aber in noch höherem Maße aus heutigen Gesinnungen, Trieben und Zuständen deutet Lurje (Dozent in Moskau) in seiner eben erwähnten Schrift die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse im israelitisch-jüdischen Reich. Die „nichtsnutzigen, leichtfertigen Menschen" (Richter 9, 4), „leichte und überschäumende Männer" nach Buber- Rosenzweig, die nach dem Tode Gideons Abimelech für seinen Überfall dingt, sind nach Lurje „richtiger Arbeitslose". Und im Deborah-Lied gibt ihm die Stelle „eine, zwei Sklavinnen für jeden Mann" (Richter 5, 3o: „einen Schoß; zwei Schöße auf den Kopf des Wehrmanns" nach Buber-Rosenzweig) Anlaß, zu der tiefsinnigen, „für die soziale Struktur Altisraels wichtigen" Frage: „Gibt es in dieser Zeit schon öffentliche Dirnen?" Gleichwertig ist die Feststellung: „Die Bestimmung über den Sabbat im Bundesbuch kann als das erste Arbeitszeitgesetz bezeichnet werden." Kategorien und Einteilungen aus Max Webers „Wirtschaftsgeschichte", eines aus nachgelassenen Bruchstücken von Vorlesungsnachschreibungen herausgegebenen Torsos, überträgt Lurje sorglos auf alttestamentliche Verhältnisse. Seinem Buch stellt er das Motto aus dem Kommunistischen Manifest von Karl Marx voran: „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen". In der Weise hat schon Karl Kautsky vor 20 Jahren (1908) zum abschreckenden Beispiel eine umfangreiche Geschichte vom Ursprung des Christentums geschrieben. Menes und Lurje sind von der führenden anerkannten protestantischen Wissenschaft des Alten Testaments für gut befunden worden. Selbst bei Hempel und Kurt Galling beobachtet man diese unglückliche Handhabung Max Weberscher Vokabeln und ebenso die wenig kritische Anwendung marxistischer, von Max Weber leicht gewandelter Begriffe auf 613