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Der Morgen · 1930-02-01 · Heft 6 (Februar 1930) · p. 614

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 6 (Februar 1930)
Article
Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament
Date
1930-02-01
Page
614 (sequence 15)
Language
German
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Ludwig Feuchtwanger: Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament biblische Zustände und Vorgänge. In Hempels Büchern und vor allem bei Galling sind die sonstigen Vorzüge und die Eindringlichkeit wissenschaftlicher Forschung so überragend, daß die unscharfen wirtschaftswissenschaftlichen und „soziologischen" Urteile nur einen Schönheitsfehler ausmachen. Galling hat sich mit seinen beiden Arbeiten „Die Erwählungstradition Israels" (1928) und „Die israelitische Staatsverfassung in ihrer vorderorientalischen Umwelt" (erweiterter Vortrag auf dem Bonner Orientalistentag 1928; jetzt 1929 als Heft 3/4 im 28. Band der Reihe „Der Alte Orient" erschienen) an die Spitze der alttestamentlichen Wissenschaft gesetzt Die Selbstaussagen des Alten Testaments über die Erwählung knüpfen an den Auszug aus Ägypten und an die Erzvätertradition an; Galling weist nach, daß beide Erzählungen zwei verschiedene nebeneinander laufende Traditionskerne bilden. Das nationalreligiöse Erwählungsbewußtsein, auf den zwei Traditionsgrundlagen ruhend, hat den Juden im Grunde die Selbstsicherheit und den felsenfesten Glauben eingepflanzt, jedenfalls der jüdischen Frömmigkeit einen besonderen Gehalt gegeben. Die Beweisführung Gallings in dieser Arbeit und in der oben erwähnten über den altjüdischen Staat dringt zu den verschiedensten Problemen der alttestamentlichen Forschung vor, die souverän und selbständig in dichtester sachlicher Konzentration bewältigt und überall positiv gefördert wird. Nur wo Galling in die Nähe geschichtsphilosophischer und „soziologischer" Fragen kommt, versagt er und wird unselbständig. Ich breche hier die Wanderung durch die heutige Forschung des Alten Testaments ab, da die rein spezialwissenschaftlichen, namentlich philologischen Fragen, ebenso die sich an die einzelnen Teile des Alten Testaments knüpfenden Spezialprobleme hier nicht erörtert werden können. Ich muß es mir auch versagen, an den Beispielen von Greßmanns Nachlaßwerk „Der Messias" und der Kollektivarbeit über die „Bibel" im vierten Band der Enzyklopaedia Judaica die neuen sichtbaren Keime einer schöpferischen Bihelwissenschaft zu zeigen. Ein allgemeiner Oberblick, wie ich ihn in diesen Blättern begonnen habe, gäbe an und für sich zu einschneidenden Vorschlägen über eine Änderung der Forschungsrichtungen Anlaß, ja noch mehr, verpflichtet vielleicht zu einer eigenen exemplarischen positiven Besserleistung. An einer anderen Stelle soll demnächst der Versuch unternommen werden, in jener geforderten Aufhebung der Isolierung der Forschung über das Alte Testament einen entschiedenen Schritt vorwärts zu machen und aus dem ausgefahrenen Kreislauf der eben geschilderten Art von Fragen und Antworten herauszutreten. 614

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