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Der Morgen · 1930-02-01 · Heft 6 (Februar 1930) · p. 612

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 6 (Februar 1930)
Article
Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament
Date
1930-02-01
Page
612 (sequence 13)
Language
German
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Ludwig Feuchtwanger ruhende Vorstellung von den Gesellschafts- und Wirtschaftssystemen als Hintergrund der legislativen Bestandteile des Alten Testaments durch gewagte Vermutungen und durch eine ziemlich primitive Herübernahme moderner wirtschaftlicher Vorstellungen und Bezeichnungen auf die alte Welt Das Bundesbuch (Exodus 20, 2 3 bis 2 3, 19) sei das Programm der Jehurevolution im 9. Jahrhundert; es handle sich hier nicht um damals schon geltendes Recht, sondern um eine Sozialrevolutionäre Reform zur Eindämmung der fortschreitenden Versklavung der freien Bauernschaft; dieser Prozeß sei durch, das Aufkommen der Geldwirtschaft hervorgerufen. Die Sinaierzählung stelle dagegen nur einen sagenhaften Reflex der Vorgänge dar, die mit der Einführung des Bundesbuches verbunden waren. Das Schwergewicht liegt bei Menes in seiner sozialen Theorie von der revolutionären Herkunft des Deuteronomiums als Schöpfung der herrschenden Partei des am haarez, des Proletariats, während der Regierungszeit Josias in einer Zeit fortschreitender Geldwirtschaft und Proletarisierungsgefahr. Die an vielen Stellen sehr geglückte Analyse des 5. Buches Mose enthält Analogien zur antiken Gesetzgebung und will den Beweis führen, daß wir in Hauptteilen des Buches den revolutionären Utopismus der verschuldeten Bauernmassen vor uns haben. Auch der Bericht über die Auffindung des verschollenen Gesetzes im Tempel im 18. Regierungsjahr desJosia (IL Kön. 22 u. 23) sei wieder nur „Spiegelung" in den Köpfen einer späteren Generation; und zwar sei für die Beurteilung jenes Berichtes das unbestritten nachexilische Huldaorakel (IL Kön. 22, 17 ff.) entscheidend. Im übrigen haftet die Fragestellung sowie die Gesamtbeurteilung der deuteronomischen Gesetzgebung und der sozialen Situation in der Bibel bei Menes an modernen Begriffen aus den Vorstellungen der heutigen Wirtschaftswelt und artet an manchen Stellen (z. B. S. 87) grotesk zu einer anklagend-pathetischen Geste gegen die bestehende kapitalistische Wirtschaftsordnung aus: „Wenn sich mancher moderne Gelehrte, der mit den gegenwärtigen Verhältnissen durchaus zufrieden ist, gegen die „orientalischen Könige", die unfähig waren, einen Rechtsstaat zu gründen, entrüstet, so vergißt er dabei, daß die Propheten gegen den modernen „Rechtsstaat" ebenso zu Felde ziehen würden wie gegen den altisraelitischen Staat. Die altisraelitischen Kapitalisten, die ihr Geld nicht ohne Zinsen darleihen wollten, und rückständige Schuldner von Haus und Hof verjagten, waren nicht besser und nicht schlechter als ihre modernen Genossen; was ferner die ungerechten Richter anlangt, so kommen unsere Richter in der sozialistischen und kommunistischen Presse unserer Zeit nicht besser weg." Die wirtschafts- 612

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