Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 611 (sequence 12)
- Language
- German
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Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament Jahren die deutsche und ausländische soziologische Literatur berufsmäßig begleitet und durchgesehen hat, kennt das hoffnungslose Chaos, die beispiellose Dissonanz dieser angeblich arteignen Wissenschaft und kann danach den naiven Optimismus beurteilen, mit dem auf die relativ gediegene Wissenschaft vom Alten Testament die „Soziologie", die unter einer Art Beschwörungsformel modischer Wortweisen und Sätze vor sich gehende Aufreihung eines nach Gegenstand und Verfahren ungeklärten und widerspruchsvollen Gemengsels erkenntniskritischen, psychologischen, historischen, sozialökonomischen und völkerkundlichen Stoffes aufgepfropft werden soll. Man staunt über die Überschätzung der fremden Disziplin und über die richtungslose Willkür, mit der von Theologen in „soziologischen" Vokabeln eigentlich nichts weiter als „Kulturgeschichte", „Sittengeschichte", „Hebräische Altertümer", „Recht und Wirtschaft in der Bibel" in der ältesten höchst fragwürdigen Manier weiter traktiert werden. Weder wird der Ansatz einer „Kulturlehre", also der viclverflochtehe Kulturgehalt der Gesellschaft einer bestimmten Epoche oder ein einzelnes ausgesondertes Kulturgebiet, etwa inhalterfüllte Verbände spezifisch gesellschaftlichen Charakters (Volk, Familie, Klasse nach einer neuen Ordnungsidee) in diesen Arbeiten sichtbar, noch geht es unter Weglassung der spezifischen historischen Kulturinhalte um die geordnete, an den historischen alttestamentlichen Befunden demonstrierte Erörterung von sozialen Beziehungen, und Beziehungsgebilden. Zwei neue von der protestantischen Theologie im allgemeinen mit besonderer Auszeichnung behandelte Arbeiten müßten eine eindringliche Warnung sein, die alte traditionelle alttestamentliche Forschung durch eine fragwürdige „soziologische" Behandlung zu „vertiefen". Die Schrift von Abram Menes „Die vorexilischen Gesetze Israels im Zusammenhang seiner kulturgeschichtlichen Entwicklung" (Beiheft 5o zur Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft) und das Beiheft zur gleichen Zeitschrift von M. L u r j e „Studien zur Geschichte im israelitisch-jüdischen Reiche von der Einwanderung in Kanaan bis zum babylonischen Exil" sind (trotz vieler guter Einzelbetrachtungen und der Beherrschung des nicht nationalö.konomischen wissenschaftlichen Rüstzeugs) in der Gesamtauffassung ein deutlicher Rückschritt in der Forschung. Analyse und Kritik der Thesen von Menes müssen hier unterbleiben. Die Entstehung des israelitischen Gesetzes aus der Wirtschaft und Gesellschaft des Volkes abzuleiten, ist an und für sich ein wichtiges Forschungsziel. Menes verbaut sich eine geschlossene, sicher in den Quellen 6tt