Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 610 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2895450-2895483-2895490-2900308--04087-2900411- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ludwig Feuchtwanger Arbeiten Freudscher Richtung, die der Religionswissenschaft neue Wege weisen wollen, durchzuarbeiten. In einem umfassenden Referat führt er1) die Fülle meist angelsächsischer Untersuchungen über die bekannten Fragen (Oedipussage — Sagen aus der Kindheit von Helden — Totem und Tabu — Couvade — Pubertätsriten — Schätzung der Erde — Trauer- und Bestattungsgebräuche) eindringlich und plastisch vor. Der monotone Pansexualismus dieser immer gleichen groben Erklärungen hat längst eine so erschreckende Popularität erlangt, daß nur der Ton angeschlagen werden muß, um an die hier gemeinte Art von „Wissenschaft" zu erinnern. „Wir wissen, daß die Beschneidung ein Kastrationsäquivalent darstellt, welches das Inzestverbot auf das wirksamste unterstützt" Oder: „Der Fall des kleinen Hans, dessen beständige Angst, von einem Pferde gebissen zu werden, Freud als den infantilen Ausdruck unbewußter Kastrationsangst aufgeklärt hat" Und so weiter in ewig gleicher Melodie. Clemen hat gründlich, umsichtig und ruhig nachgewiesen, daß diese meist auf den „Oedipuskomplex" hinauslaufende Behandlung der Religionsgeschichte willkürlich, unhaltbar, eine fixe Idee sei. Der „neue Weg", den Freud und seine Schüler der Religionswissenschaft weisen wollen, ist ein Irrweg. Sieht man einige neuere typische — von Clemen nicht behandelte — Werke an, welche alt jüdische, im Alten Testament wurzelnde Lehren und Vorschriften psychoanalytisch deuten., so steht man regelmäßig vor einem platten trivialen Naturalismus, einer naiven willkürlichen Handhabung irgendwo herausgebrochener Quellenstellen aus zweiter Hand. Ob Theodor Reik auf i3o Seiten das Schofarblasen — immer an Hand der Bibelstellen — als Teil eines uralten, auf den totemistischen Kult zurückgehenden Rituals deutet und mit den Pubertätsriten der Wilden auf umständliche Weise in Zusammenhang bringt oder ob der Geograph Passarge in engem Anschluß an Freud und Reik (ohne beide zu nennen) in einem abenteuerlichen, von allen guten Geistern verlassenen umfangreichen Buch den Jahvekult der Bibel aus der „Zweigeschlechterreligion" des primitiven Naturmenschen und der „religiösen Heiligkeit des Geschlechtsakts" ableitet, es ist immer die gleiche monotone rohe Vereinerleiung und willkürliche verständnislose Verzerrung des subtilen, fein nuancierten biblischen Stoffes. Eingehender muß noch die neuere Anwendung „soziologischer" Methoden auf das Alte Testament behandelt werden. Wer etwa in den letzten zwanzig x) Carl Clemen, Die Anwendung der Psychoanalyse auf Mythologie und Religionsgeschichte. Leipzig 1928. 610