Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 609 (sequence 10)
- Language
- German
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Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament mentlicben Forscher wenden unbekümmert Ergebnisse der Triebpsychologie, die in Nietzsche ihren entscheidenden Bahnbrecher gefunden hat, auf das Religiöse an, indem sie alles „Dynamistische" und „Magische", also das Urphanomen des Religiösen, als „präreligiös" dekretieren und sich der Illusion hingeben, das Christentum als „absolute Religion" von dieser Sehweise ausnehmen zu können. Ernst Troeltsch hat (in seiner Schrift „Die Absolutheit des Christentums und die Religionsgeschichte" 1902; 3. Auflage 1929) die Unehrlichkeit, so zu verfahren, bekannt, ist jedoch mit diesem Bekenntnis so gut wie allein geblieben. Der einfache Bestand der alttestamentlichen Texte wird durch die triebpsychologische Exegese verzerrt Der Forscher, der die modernen Theorien vom Ressentiment, vom Lebensneid und. von der Psychologie des Pariavolks auf die Welt des Alten Testaments anwendet, begibt sich in die Gefahr, daß zur methodischen Klärung zunächst sein eigenes „Notideal" genauer untersucht wird, mit dem er eine fremde Welt überlegen mißt Gressmann hat in seiner berühmten programmatischen Wanderung durch die Aufgabenkreise der alttestamentlichen Forschung sich viel zu viel von dem „Streben" versprochen, „über die theologischen Begriffe hinaus in das gefühls- und triebmäßige Leben einzudringen, das neben der Vorstellungswelt einhergeht und für die Entwicklung vielleicht wichtiger sei als diese". Mit etwas mehr Vorbehalt spricht er allerdings von dem Wert der eigentlichen psychoanalytischen Methoden, wie sie von Freud ausgebildet und von Mythologen und Ethnologen teilweise übernommen worden sind. Der Ergänzung der theologischen Betrachtungsweise durch eine streng methodische religionsgeschichtliche, ethnologische und völkerpsychologische Erfassung der reichen Literatur des Alten Testaments kann allerdings nicht mehr ausgewichen werden. Als Muster durchdachter, sich von Einfällen und Konstruktionen streng fernhaltender rehgionsgeschichtlicher Forschungsweise sind neben den oben schon erwähnten englischen Werken, namentlich von William Robertson Smith, die Arbeiten von Alfred Bertholet, etwa die kleine aber ertragreiche Schrift „Das Dynamistische im Alten Testament" (1926) wichtig. Eine andere Frage ist, ob dabei die Freudschen Methoden und Lehren anzuwenden sind. Carl Clemen, der Bonner Gelehrte, dem wir auch eine übersichtliche und zuverlässige Religionsgeschichte Europas (zunächst bis zum Untergang der nichtchristlichen Religionen) verdanken, hat sich jüngst der Mühe unterzogen, die große, fast unübersehbare Reihe von psychoanalytischen 609