Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 608 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2895450-2895483-2895490-2900308--04085-2900409- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ludwig Feuchtwanger Man wende die „Entlarvungspsychologie" beispielsweise auf das Kernstück der Theologie Calvins — unbedingte Unwürdigkeit des Menschen und das Wunder der göttlichen Gnade — schulgerecht an und man wird die heillose Trivialisierung und Vereinerleiung dieses beliebten „Erkenntnismittels" gewahr. Was man bei der Einzelseele sich mit dem Vorgang der „Verdrängung" zurechtlegt, dem pflegt man jetzt bei der Beobachtung des Verhaltens menschlicher Gruppen mit der Etikette „Ideologie" auf den Grund zu gehen. Dag Wort „Ideologie" hat seit Hegel und Marx einen Bedeutungswandel erfahren, darf aber, um nicht wertlos und verwaschen zu werden, nicht im Sinne eines wertfreien Gedankensystems gebraucht werden, sondern muß auf die Bezeichnung einer Art hypokritischer, eine Schwäche oder einen Zwang zu einer Idee oder zu einem selbstgewählten Ziel umfälschender Ablehnung oder Rechtfertigung weg- oder herbeigewünschter sozialer Zustände beschränkt bleiben. Beide Begriffe — Verdrängung und Ideologie — entbehren bei der Betrachtung alter Kulturen eines Erkenntniswertes, weil eine Loslösung des Erkenntnis-Suchenden von seinem Objekt und seiner geschichtlich-gesellschaftlich zufälligen Situation nicht möglich ist: Die Scheidung der Oberflächentatsachen des Bewußtseins von den „eigentlichen" Vorgängen im Unbewußtsein, also der Versuch, hinter den Schleier zu sehen, und. an die „wahren" Motive heranzukommen, scheitert an dem beschauenden Subjekt, das auch wieder ein Oberflächenbewußtsein und Unterbewußtseih hat und nicht über seinen eigenen Schatten springen kann. Wenn irgend jemand, so ist der europäische Theologe (mindestens so tief wie der moderne europäische Jude) bei Betrachtung kollektiver Gegenwartsvorgänge politischer und wirtschaftlicher Art gespalten. Max Webers „Religionssoziologie", die als großartiger, synthetischer Versuch einer zusammenhängenden Geschichtsschreibung „Israel unter den Völkern" schon oben betrachtet wurde, ist ein fragmentarisches Provisorium, der titanisch aufgetürmte Schlußstein seines plötzlich abgerissenen nationalökonomischen Lebenswerkes, eine positiv-kritische Anwendung der materialistischen Geschichtsauffasung von Karl Marx auf das Gedankengut des Alten Testaments. Max Weber hat sich, wie schon früher angedeutet, der ihm von den alttestamentlichen Gelehrten evangelisch-theologischer Provenienz zugerichteten gebrauchsfertigen Bauteile unkritisch — was er selbst bedauert — bedienen müssen. Wenn jetzt die historischen Theologen das von Weber psychoanalytisch „veredelte" Rohprodukt zurückübernehmen, so sind heillose methodische und sachliche Verwirrungen zu befürchten und bereits eingetreten. Die alttesta- 60S