Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 607 (sequence 8)
- Language
- German
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Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament Gewächs wie nur irgendeine der ganz großen elementaren Dichtungen, die noch Kult, Historie und Gesang in einem sind; aber das einzelpsycliische Sichzurechtlegen des Schicksals, das wir verklärten Leidenshochmut nennen — wir Armen und Verfolgten sind die wahrhaft Auserwählten und Frommen — ist ein in der Völkergeschichte in allen Verschalungen immer wiederkehrende Äußerung des Selbstbewußtseins einer Gruppe, die Schranken ihrer Macht empfindlich verspürt und als geschlossene Minderheit in eine homogene herrschende Umwelt geraten ist. Das dritte Grundgefühl: Die soziale Regung, die wieder von zwei einfachen einleuchtenden Grundmotiven angefacht wird, nämlich von der Erinnerung an das eigene Schicksal, „Denn Knechte wart ihr im Land Ägypten" und von der Lohnverheißung nach dem Tod. Wie nun diese drei Grundgefühle — der unbedingten Abhängigkeit von Gott, des Nichtwiderstandes als wohlgefälliger religiöser Haltung und drittens der Caritas — in ihrem Zusammenklang zur Tugend der Demut in den jüdisch-christlichen Vorstellungen werden, das wäre das zweite große Thema, das der alttestamentlichen neueren Forschung zu stellen ist Ganz von Max Webers nervösem Künstlertum, von seiner meisterhaften Darstellung der Entstehung des jüdischen Pariavolkes gebannt, finden die Vertreter der historischen Theologie nicht zu ihren bescheideneren Aufgaben zurück. Der Nietzsche-Gedanke vom Ressentiment, von der Sittlichkeit als Triebeinschrähkung, von der Sklavenmoral bleibt im Kern — zunächst nach dem Inhalt der Aussage — eine typisch „heidnische" Wertung, in moderner Wortverkleidung ein alter aus den rhetorischen Religionskämpfen der Antike bekannter Vorwurf, den namentlich Augustin immer wieder durch sein ganzes Schrifttum zurückweist: Das Christentum habe die Menschen demütig, unmännlich und schlaff gemacht und damit auch dem kraftvollen Machtstaatsgedanken des römischen Reichs das Rückgrat gebrochen. Das Wiederaufleben dieses Vorwurfs seit Machiavell ist oft geschildert worden. Die „unterschwellige" Umdeutung der Demut zur unterirdischen ins Jenseits transponierten Rachsucht und die „Enthüllung" der sich nicht widersetzenden Ergebung in Gottes Willen als Ressentiment ist im übrigen eine grob naturalistische, wissenschaftlich untaugliche Betrachtungsweise, die schon angesichts der vor uns liegenden aktuellen lebendigen zuckenden Menschenseele * versagt und die bei Anwendung auf eine fremde historische Situation wie die des vorexilischen oder nachexilischen Juden zu keiner wissenschaftlichen Erklärung führen kann. 607