Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 606 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Feuchtwanger überragende Macht Jahres schon von sehr früher Zeit her ohne jene historische Situation der Wehrlosigkeit vorhanden gewesen sei. Hier ist nur soviel richtig: Die überblickbaren Verhältnisse des alten vorderasiatischen Orients in der ersten Hälfte des vorchristlichen Jahrtausends lassen es nicht zu, die Absichten der Propheten als eine Art abstrakten Widerstands der sittlichen Ideen gegen» den Machtstaatsgedanken zu deuten; dafür fehlen gewiß alle geistesgeschichtlichen Voraussetzungen. Aber genau so unzugänglich ist der „Geist des Alten Orients" für die psychoanalytische Konstruktion von der „Vergoldung des Lebensdrucks": Well der Prophet und seine Anhänger nicht mit Schwert und Spieß streiten können, so wird ihr Ideal der Mensch, der friedlich unter den Menschen lebt „im Vertrauen auf die ihm nahe Grottesstimme". Hier haben Max Webers Visionen unglücklicherweise Schule gemacht Seine Konstruktion von der literarischen Exilsprophetie als der letzten Stufe der in der altisraelitischen Religiosität von jeher in der Anlage keimhaft vorhandenen Neigung zur „Verklärung der Pariavolkslage und des geduldigen Ausharrens in ihr" besticht sichtlich Hempel bei seiner Charakterisierung der israelitischen Ethik, trotz aller Einschränkungen wie, man solle das Schlagwort von der Sklavenmoral gewiß nicht mißbrauchen. In Max Webers grandiosem Fragment ist die geradezu schwelgerische Entfaltung der Idee vom jüdischen Pariavolk und der positiven Wertung der Selbsterniedrigung das große Schaustück des Ganzen; in den Dienst der These „von der miserabilistischen Ethik des Nichtwiderstandes", von der Theodizee des antiken Judentums als einer Apotheose des Leidens, des Elends, der Armut und der Häßlichkeit ist schließlich bei Weber die Stoffauswahl und jede Einzelbeobachtung gestellt, in einer ästhetisch außerordentlich anziehenden Einseitigkeit, aber wissenschaftlich scMechthin ohne Gültigkeit Religiöser Schauder in der Vorstellung vom unbedingten Ausgeliefertsein an die Gottheit, das „Wurmgefühl" des uns als „Deuterojesaias" geläufigen nachexilischen Propheten und Psalmisten, ist mit einer ungebrochenen, dem Ressentiment entgegengesetzten heroischen primitiven Haltung, die sich mit Gewalt jeder Lebensbeeinträchtigung entgegenstellt, durchaus vereinbar und tritt im Alten Testament, sowie in den vorgelagerten Kulturen Babyloniena und Assyriens oft vereinigt auf. Der Gesang vom gehorsamen Erdulden der Gewalt dagegen als höchster Staffel der religiösen Würde und Ehre vor Gott, die enthusiastische Verklärung des Leidens als des Mittels, der Welt zum Heil zu dienen ist wohl bei „Jesaias" und in den „Psalmen" ureigenes jüdisches 606