Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 605 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament kritik und mit einem ganz handfesten Entwicklungsbegriff aus der historischen Theologie des 19. Jahrhunderts möchte man Hempel keine Nachahmer wünschen, vor allem wenn diese nicht wie Hempel selbst mit so vorzüglichem gelehrten Rüstzeug und mit so feinem Sinn für geistesgeschichtliche Nuancen vorgehen. Der „Geschichte der Gottesfurcht" innerhalb des Alten Testaments, die Hempel gibt, kann man kaum mehr folgen. Die stärkere Verbindung der Jahve-Furcht bei dem „Elohisten" mit dem Sittlichen, umgekehrt „die sie zugleich auch wieder dämpfende Wirkungssphäre" dieser Furcht in der rational berechnenden Weisheitslehre, diese Abschattierungen, läßt der unbefangen betrachtete Text nicht zu; sie sind auch bedenklich mit dem Erbfehler des protestantischen alttestamentlichen Betriebs des 19. Jahrhunderts belastet, Quellenscheidungen um jeden Preis zu geben und ihre Kriterien zu übertreiben. Die zusammenhängenden Untersuchungen Hempels über die Propheten sind von besonderer Bedeutsamkeit: Die prophetische Botschaft ist keine ethische, humane, den äußeren Kult überwindende Lehre, sondern despotische Willensäußerung der Gottheit für einen bestimmten Fall. Beim Prophetismus handelt es sich in der Tat um eine durchaus arteigene religiöse Erscheinung, die nicht verbumanisiert oder verethisiert werden darf. „Das prophetische Erlebnis besitzt Zwangscharakter". Also die Propheten folgen einem unwiderstehlichen Zwange Jahves. Nicht in mystischer Versenkung, nicht in beseligender Vision und Verzücktheit, sondern „als verzehrenden, niederwerfenden Willen", erfahren die Propheten die Nähe Jahves. Der „Geistbraus" — ruach — (im Unterschied von anderen Begriffen des Alten Testaments von „Geist" und „Seele") dringt auf den Propheten ein, wirft ihn um, nimmt ihm die Hanjdlungsfreiheit und lenkt ihm die Zunge zu schrillen Befehlen. Die Propheten die dem Volk und dem König zumuten, nur auf Gott zu vertrauen und auf das Wunder zu warten, geben damit keine politischen, innerweltlich weitblickenden und menschlich klugen Ratschläge, weil etwa die Gewalt, gegen die Übermacht doch nichts ausrichten könne. Diese rastlose sich blind hingebende Zuversicht in Jahves Hilfe nach dem Vorgang Max Webers massiv materiell, „soziologisch" zu deuten als das Mittel einer wehrlosen Minderheit, der die trostlose tatsächliche Lage zum Frömmigkeitsideal wird, habe ich schon früher als Verirrung gekennzeichnet Die wirtschaftlich und politisch bedingte Wertlosigkeit soll sich nach der bekannten Deutung bei den Propheten in eine gottvertrauende friedliche Geisteshaltung „umgesetzt" haben, die als Stärke und Festigkeit des Glaubens an die 605