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Der Morgen · 1930-02-01 · Heft 6 (Februar 1930) · p. 602

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 6 (Februar 1930)
Article
Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament
Date
1930-02-01
Page
602 (sequence 3)
Language
German
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Ludwig Feuchtwanger so daß man berechtigt ist, nach diesem besten Repräsentanten die historische Theologie in ihrer heutigen Verfassung im ganzen zu beurteilen. Hempel erfüllt vor allem die erste Forderung, den gegebenen Stoff zuverlässig historischphilologisch zu sichten. In fünf sich stofflich nicht immer gegenseitig ausschließenden Hauptabschnitten, deren Mittelstück „Die prophetische Botschaft" ist, veranschaulicht er die Formen der im Alten Testament vorkommenden religiösen Empfindungen, aufgereiht an dem „polaren" Gegensatzpaar Abstandsgefühl — Verbundenheitsgefühl. Vergleichsobjekt, mindestens Richtungspunkt ist durchgängig die spätchristliche systematische Glaubenslehre evangelischen Bekenntnisses. Das Hempelsche Buch repräsentiert eine typische Forschungsrichtung und ist charakteristisch für die Arbeiten des soziologischberuflich fest umrissenen Forschungskreises um die Zeitschrift für alttestamentliche Wissenschaft Diese Arbeiten tragen deutlich den Charakter des Glaubenszeugnisses, sind also in ihren Ergebnissen Bekenntnis, „Wissenschaft" allein in dem Sinn eines jeden systematisch geordneten Denkens, das sich nur in einem traditionell und schulmäßig gegebenen Kreis fester Lehren bewegti, diese erhaltend und beweisend, aber nicht selbständig forschend und findend Die Wiedererzeugung, die Vergegenwärtigung der religiösen Grundgefühle, denen die Beschreibung und die Quellennachweisung bei Hempel gilt, also die „Aufweisung der inneren Schwingungen der einzelnen Frömmigkeitsakte" wird trotz der ständigen Ausrichtung des alttestamentlichen Gedankengutes auf die christliche Lehre in keinem Punkt der Darstellung erreicht Im Gegenteil, es bleibt der Eindruck unbeteiligter kulturhistorischer Studien, die bei allem tiefgehenden Einfühlungsvermögen im einzelnen nie auch nur herankommen an die unmittelbare Eindrucksstärke der behandelten Texte in unzerstückeltem Zustand, etwa bei ihrer ursprünglichen Verwendung im Kult und später in der Synagoge. Es ist manchmal so, als ob Hempel die Sitten und Gebräuche eines australischen Stammes mit großem völkerkundlichen Verständnis schilderte. Die „Vergegenwärtigung" des Materials geschieht mit den Mitteln der in der evangelischen Theologie gebräuchlichen Systematik, mit deren modernen gelehrten Arbeiten sich Hempel überall klar und überlegen auseinandersetzt Die „Segen-Fluch"-Arbeit gehört der vergleichenden Religionsgeschichte und Religionspsychologie an. Ihr besonderer Reiz besteht darin, daß hier die zuverlässigen alttestamentlichen Beweisstücke — sauber museal gereinigt — aus dem Umbildungsprozeß von einer noch der primitiven magischen Welt angehörenden — „präreligiösen" — Frömmigkeit zu einem leidenschaftlichen, von 602

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