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Der Morgen · 1930-02-01 · Heft 6 (Februar 1930) · p. 597

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 6 (Februar 1930)
Article
Französisches Judentum
Date
1930-02-01
Page
597 (sequence 7)
Language
German
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Französisches Judentum Luft, wie aus einem Grabgewölbe, ins Freie. In einigen Seitenflügeln vegetierten alte Verwandte---- IL Nadi dem Kriege Der Krieg schuf eine neue Situation. Elsaß-Lothringen mit seinen 3o ooo Juden fiel nach fast fünfzig Jahren wieder an Frankreich- Aus dem Mittelmeergebiet wanderten etwa ioooo spaniolische Juden ein. 2 5 ooo Juden aus Osteuropa ließen sich endgültig in Frankreich, zum größeren Teile in Paris, nieder. Drängende soziale Wohlfahrtspflichten erwuchsen damit für das eingesessene Judentum. Aber das französische Rabbinat stellte sich auch eine moralische Erziehungsaufgabe. Dem levantinischen Handwerker in Avignon, dem ostjüdischen Handelsmann in der rue des Rosiers in Paris gegenüber fühlte der Rabbiner sich als Vertreter des französischen Staatsgedankens. Er predigte ihnen die Liebe zum Frankreich der Menschenrechte, das in der Welt eine Mission habe. Ein Kreuzzug der Idee müsse von Frankreich ausgehen. Wenn alle Länder sich zu Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bekennen, werde Frankreich hocherhaben über den Völkern thronen. Das Leid, das die Juden erlitten, müsse sie zu doppelter Liebe für den Staat anspornen, der der Schirmherr des Rechts im Kampf gegen den Rückschritt in aller Welt sei. — Wieder verschmolzen religiöse messianische Sehnsucht und staatsbürgerliche Pflicht in eins. Es war nur eine Frage der Zeit, daß auch die Neueingewanderten sich ganz mit dem französischen Staatsgedanken erfüllten, der weder eine bürgerliche noch eine geistige Sonderexistenz erlaubte. Die elsässischen Juden betonen dem Pariser Liberalismus gegenüber fest und unumwunden ihre konservative Form religiöser Geistigkeit Wie es im Wesen „orthodoxer", das heißt „rechtgläubiger" Frömmigkeit liegt, verzichten sie aber auf direkte Werbung im liberalen Lager, da jedwede Annäherung für sie mit moralisch untragbaren Zugeständnissen verbunden sein müßte. Der Anstoß zur Wiederbeschäftigung mit jüdischen Dingen kam für die religiös gleichgültig gewordenen großstädtischen Juden vielmehr von außen. Das jüdische Geschehen jenseits der Landesgrenzen, das ängstliche Väter ironisierten, begannen die Söhne in seiner ursprünglichen Frische als beunruhigende geistige Macht zu verspüren. Die Habimah ließ auch auf französischer Großstadtbühne das Hebräisch ihrer Verzückung ertönen. In der Synagoge von Carpentras tanzten polnisch-jüdische Landarbeiter die Horra in stampfendem Rhythmus. 597

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