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Der Morgen · 1930-02-01 · Heft 6 (Februar 1930) · p. 598

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 6 (Februar 1930)
Article
Französisches Judentum
Date
1930-02-01
Page
598 (sequence 8)
Language
German
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Hanns Reißner Eine Klangwelt tat sich auf, die die bürgerlich gesicherten Franzosen jüdischer Abstammung zunächst verwirrt, wie Nietzsches Gesichte die Welt des fin de siecle. Längst vergessene Anlagen des Charakters werden in ihrer Besonderheit wieder spürbar und wollen nicht länger verleugnet sein. Doch zweifelt die Seele noch an der Möglichkeit, sie zu gestalten, und prüft sich lange, ob sie diesem inneren Drang gewachsen sein wird. Die geistige Spannung, von der die Elite der jüdischen Franzosen ergriffen ist, tritt im Roman, der literarischen Ausdrucksform . bürgerlicher Selbsterkenntnis, klar zutage. Edmond Fleg hat in seinem „L'Enfant-Prophete" den Knaben aus assimiliertem Hause geschildert, dem ein Religionslehrer ohne menschliche Autorität die zur Einsegnung notwendigen Riten hätte beibringen sollen. In sich selber erlebt das Kind aufs neue die messianischen Visionen der Propheten. Ohne Anleitung oder auch nur äußeres Verständnis zu erfahren, versucht es, dieses Empfindungsgut in die verwirrenden Erscheinungen des Alltags — Schule, Pfadpfinderbund, politisches Leben — einzubeziehen. — Jean Richard-Bloch hat in „____et Ge." die Geschichte der elsässischen Judenfamilie geschrieben, die, in den rein franzosischen industriellen Nordwesten verschlagen, — sich selbst erfährt Auch der Süden meldet sich mit dem Provencalen Armand Lunel wieder zum Wort In seine Romane „Esther de Carpentras" und „Nicolo-Peccavi" sind die Überlieferungen der G>mtadiner Familien eingegangen. Die geistige Bewegung, die einstweilen ganz und gar unkirchlich ist, hat sich inzwischen auch weiteren Kreisen mitgeteilt Andre Spire hat in seinen „Quelques Juifs et Demi-Juifs" biographisch die Spannungen zwischen innerer unbedingter Gewißheit und den Gegebenheiten der Außenwelt nachgezeichnet, aus denen der abendländische Jude eine höhere Einheit zu schaffen habe. Edmond Fleg hat mit Übersetzungen aus dem Jiddischen, einer jüdischen Anthologie und neuerdings seinem „Moise" der französischen Leserschaft den verschütteten Zugang zur Welt des jüdischen Altertums und Mittelalters wieder eröffnet Das französische Rabbinat hat die Herausgabe der Zadoc Kahn sehen jüdischen Bibelübersetzung ins Französische in Angriff genommen. Fast hat es den Anschein, als solle der Anstoß zur Wiederbelebung auch des religiösen Bewußtseins der Juden in Frankreich von einem Katholiken von Geburt ausgehen: Aime Palliere, dem Verfasser des „Sanctuaire inoonnu". In der Vorstellungsweit der Bibel aufgewachsen und ursprünglich zum Priesteramt bestimmt, war er in Lyon aus Interesse einmal in die Synagoge gegangen. 598

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