Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Französisches Judentum
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 596 (sequence 6)
- Language
- German
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Hanns Reißnar Menschen durch keine alten Traditionen gebunden sind, mußte sich die Lebensfähigkeit des französisch-jüdischen Staatskirchensystems bewähren. Die Großzügigkeit jüdischer Wohltäter ermöglichte allerorten den Bau von Synagogen in prächtigem, maurisch-historisierendem Stil. Zur Erhaltung der Institutionen — seit der Trennung von Kirche und Staat in Frankreich, sind die Konsistorien als freie Religionsgesellschaften neugegründet worden — trägt aber nur ein geringer Prozentsatz der jüdischen Großstadtbewohner bei Paris hat unter i oo ooo Juden 4ooo Zensiten. Ein Großteil von ihnen besteht noch dazu aus russischen Juden, die erst in jüngster Zeit zugewandert sind. Die von Napoleon an die Gründung der französisch-jüdischen Staatskirche geknüpften Erwartungen, daß das französische Judentum früher oder später seine traditionelle Eigenart verlieren würde, sind also im Prinzip in Erfüllung gegangen. Die beamteten Rabbiner in den Synagogen, in denen Diener mit der Trikolore am Zweimaster würdig auf- und abschreiten, haben die Liebe zum Vaterland als die ethische Pflicht des französischen Juden gepredigt Die Religion sank zur zeremoniellen Umrahmung der verschiedenen Ereignisse des Familienlebens — Geburt, Hochzeit, Tod — herab. Die Jugend gab sich einem flachen, auf selbständiges Denken und Empfinden verzichtenden Atheismus hin. Die Zahl der direkten Austritte aus dem Judentum ist in Frankreich freilich verhältnismäßig klein geblieben, — da kein materieller Vorteil damit verbunden ist Auch hat angesichts des latenten Antisemitismus breiter Schichten, eine innere Hemmung manchen Juden vor diesem Schritt zurückgehalten. Dieser „antisemitisme en cachette" entspringt einer dumpf empfundenen Gruppenspannung zwischen bürgerlichem Rentnerideal auf der einen Seite und jüdischem Unternehmersinn und Familienzusammenhalt auf der andern Seite. Im religiösen Gefühlsleben schwingt dabei eine Abneigung gegen das Volk mit, das den Heiland nicht erkannt hat und nicht erkennen will. Den Nonkonformismus der Juden begriff die frühzeitig in ihrem Staate auch geistig geeinte französische Gesellschaft schwer und traute ihnen daher, wie der Dreyfus-Prozeß gezeigt hat, das Schlimmste, den nationalen Verrat, zu. So glich vor Kriegsausbruch der Organismus des französischen Judentums einem alten Patrizierhaus, das nur deshalb noch aufrecht steht, weil die Nachbargebäude es unwillkürlich stützen, indem sie sich dagegen lehnen. Aus den offiziellen Repräsentationsräumen, die dank dem Maecenatentum reicher Sonderlinge dem Publikum zugänglich gehalten werden konnten, schlug dumpfe 596