Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Französisches Judentum
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 594 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Hanns Reißnar Art Staat im Staate darstellten. Der elsässische Jude wollte freilich auch Freiheit von den die wirtschaftliche Betätigung einengenden Fesseln. Aber wo war seine Heimat? Er lebte in der Verbannung. — Das jüdische Zeremonial hingegen, wie es die Sefardim pflegten, war das konservative Zeichen ihres Adelsstandes, ihrer Abstammung vom Volke Gottes. Ihre Zukunft jedoch war unauflöslich mit dem französischen Vaterlande verbunden. Die Nationalversammlung, damit beschäftigt, mit allen lokalen, ständischen und religiösen Partikularitäten in Frankreich aufzuräumen, wollte zunächst nur die gebildeten südfranzösischen Juden in den Staatsverband aufnehmen. Erst nach längerem Zögern erklärte sie 1791, dem Prinzip der Einheit der Verfassung zuHebe, daß alle französischen Juden ohne Unterschied der Herkunft künftig die vollen Rechte französischer Bürger genießen sollten. Damit war das pohtisch-psychologische Problem aber nur dem Buchstaben nach gelöst Die berufliche Produktivierung der elsässischen Geldverleiher und Trödel jaden war in die Wege zu leiten. Endlich blieb der Ausgleich zwischen jüdischer religiöser Tradition und positiver französischer Staatsgesinnung allgemein durchzusetzen. Im Gewirre des Assignalentaumels und der Koalitionskriege wurde zunächst keine der beiden Aufgaben in Angriff genommen. Erst Napoleon trieb wieder eine aktive Judenpolitik. 1806 berief er eine Versammlung jüdischer Notabeln aus allen Landesteilen nach Paris. Die ihnen durch eine kaiserliche Kommission vorgelegten Fragen bezogen sich unter anderem auf die ausschließliche Verbindlichkeit der Staatsgesetze statt der talmudischen, ferner auf die aufrichtige französische Staatsbürgergesinnung der französischen Juden, das heißt ihren Verzicht auf messianische Erlösungshoffnungen, sowie auf die Zolässigkeit von Mischehen. Napoleons Ziel war die restlose Auflösung der sozialen und geistigen Sonderexistenz der Judenschaft, wenn möglich sogar ihre völlige blutmäßige Verschmelzung mit dem französischen Bürgertum. Auf den Sitzungen der Notabeln standen sich in Abraham Furtado, Mitglied der Munizipalverwaltung von Bordeaux, und dem elsässischen Rabbi David Sinzheim wieder Süden und Norden gegenüber. Furtado führte aus, daß die Lehren des Judentums aus zwei begrifflich streng voneinander zu unterscheidenden Elementen beständen, aus religiös-moralischen und politisch-gesetzlichen. Die letzteren hätten seit dem Untergang des jüdischen Staates ihren zwingenden Charakter verloren; man könne und müsse sie daher auf dem Altar der Einheit des Vaterlandes opfern. Die Partei der Altkonservativen 594