Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Französisches Judentum
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 593 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Französisches Judentum deutung und das gesellschaftliche Ansehen, das sie sich erwarben, daß Ludwig XIV. ihrer offenen Rückkehr zum Judentum keine Hindernisse mehr in den Weg legte. Sie waren die erste Generation, der die Aufgabe zufiel, die Religion der Väter aus dem Weltgefühl des Abendlandes zu erneuern. Die wenigen Juden im päpstlichen Comtat, und vor allem die elsässischen Juden, waren religiös-geistig in einer viel eindeutigeren Lage. Wirtschaftlich erging es ihnen schlecht Die Behörden kümmerten sich um sie nur, insoweit ein obrigkeitliches Steuerinteresse bestand. Mit der bürgerlichen Gesellschaft pflegten sie keinen Verkehr. Sie hatten die Thora und den Talmud, deren Gebote und Verbote den ganzen Bereich ihrer Lebensführung umschrieben. Judentum war für sie Gesetzesreligion. Ein religiöser Mensch war, wer im Ritual des Alltags die göttlichen Vorschriften getreulich innehielt Das spekulative Bedürfnis nach zweckfreier Gotteserkenntnis stillten sie durch das Studium kabbalistischer Werke, die mystischen Tiefsinn mit Zahlen- und Buchstabenmagie vereinten. Die Hoffnung auf Erlösung war eine diesseitige, aber überweltliche zugleich. Die Glückel von Hameln, die im Jahre 1700 in zweiter Ehe den Bankier Cerf Levy in Metz heiratete, hat in ihren Erinnerungen beschrieben, wie auf die Nachricht vom Erscheinen des Messias Sabbatai Zwi die Judenschaften sich zur Rückkehr ins Heilige Land rüsteten. — Während der Französischen Revolution erreichte die Spannung zwischen der südlichen und der nördlichen Judengruppe ihren Höhepunkt Sie redeten im direkten wie im übertragenen Sinne in verschiedenen Zungen. Die Juden von Bordeaux und Bayonne sprachen französisch; familiär bedienten sie sich noch des Portugiesischen; ihre Gebetssprache war das Hebräische mit sefardischem Akzent — Die sogenannten „Viergemeinden" im unteren Rhönetal (Avignon, Carpentras, Cavaillon und Lilles sur Surgues) hatten einen eigenen, mit vielen provencalischen Worten untermischten judeo-comtadiner Dialekt entwickelt — Die nordfranzösischen Juden sprachen ein Elsässer-Jiddisch; zu religiösen Zwecken bedienten sie sich des Hebräischen in aschkenasischer Mundart Tiefer war aber die geistige Kluft zwischen Süd und Nord. Die jüdischen Rheeder und Großkaufleute von Bordeaux hatten die gleichen ökonomischen und geistigen Interessen wie ihre Mitbürger. Religiös unterschieden sie sich von den Katholiken von Bordeaux im Grunde nicht mehr als auch von den Juden des Elsaß. Die christlichen Dogmen lehnten sie ebenso ab wie die Religiosität der aschkenasischen Juden, die mit ihrer talmudischen eigenen Gerichtsbarkeit eine 593