Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Französisches Judentum
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 592 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Hanns Reißner deaux, Bayoime und dem vormals päpstlichen Gomtat in der Provence waren es sefardische Juden, in Elsaß-Lothringen und dem Gebiet der „Drei- Bistümer" (Metz, Toul und Verdun) Aschkenasim. Die Gruppe der mittelmeerischen Juden hat sich seitdem durch die Judenheit in den nordafrikanisch-französischen Kolonien verstärkt, die der nordeuropäischen durch Zuwanderung aus Deutschland, Österreich und Rußland. Zur Zeit der Französischen Revolution dürfte es im europäischen Frankreich etwa 5—ioooo sefardische und 3o—35 ooo aschkenasische Juden gegeben haben. Das heutige kontinental- und afrikanisch-französische Judentum umfaßt etwa 23o ooo sefardische und i3oooo aschkenasische Juden. Zwischen beiden Gruppen hat bis zur Revolution eine scharfe Scheidung geherrscht, die nicht nur wirtschaftlich und sozial, sondern auch rituell, traditionell und bildungsmäßig begründet war. Isaak Pinto, der aus Bordeaux gebürtige Amsterdamer Finanzier, schrieb 1762 in seinen an Voltaire gerichteten „Reflexions critiques", daß ein Jude von Bordeaux und ein Jude von Metz zwei ganz verschiedene Wesen zu sein schienen. Der niedrige Bildungs- und Berufsstand der elsässischen Juden sei allerdings die Folge der auf ihnen lastenden Beschränkungen und Demütigungen. Die portugiesischen Juden von Bordeaux hingegen seien Nachkommen der Adelsfamilien des Stammes Juda und hätten auch in ihrer früheren Heimat auf der Pyrenäenhalbinsel zur Patrizierschaft des Landes gehört Von dort vertrieben, hatten die ersten Juden sich um die Wende des i5. Jahrhunderts unter dem Mantel des „Neuchristentums" in Bayoime, der Grenzfestung gegen Spanien, und in Bordeaux, der Hafenstadt an der Garonne, niederlassen dürfen. Nach außen hin, insbesondere in bezug auf die Teilnahme an kirchlichen Veranstaltungen, mußten sie sich allen Anforderungen des Katholizismus unterwerfen. Sie ließen auch ihre Kinder taufen, ihre Ehen wurden von katholischen Geistlichen eingesegnet und ihre Toten auf den Kirchhöfen ihrer Gemeindesprengel begraben. Heimlich aber ließen di?se „nuevos-christiänos" ihre Söhne beschneiden. An den hohen jüdischen Feiertagen kamen sie zum Gebet zusammen. Die Kenntnis und Befolgung der einzelnen Gesetzesregeln des Talmud verlor sich allerdings unter dem Zwang der Verhältnisse. Dafür lernte die Jugend im Unterricht aber die katholische Dogmatik und bereicherte sich, an den Bildungsschätzen der durch die Renaissance wiederentdeckten Antike. Ihrem Berufe nach waren sie in großer Zahl Rheeder und Überseekaufleute. So stark wurde ihre wirtschaftliche Be- 592