Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Französisches Judentum
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 591 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Französisches Judentum Von Hanns Reißner I. Vor dem Kriege Das Leitmotiv der Rankeschen Geschichtsschreibung ist der Antagonismus der germanisch-romanischen Völker. Aus ihren Verwickelungen und Vereinigungen ergibt sich ihm der Ablauf der abendländischen Geschichte. — Frankreich, dem Land zwischen Atlantik und Mittelmeer, ist es gelungen, im Zeichen seiner Staatlichkeit germanische und romanische Stämme zu binden. Frankreich fühlt sich als Erbin des „genie latin", jener Latinität, die die Traditionen der griechischen Geistesdisziplin, des römischen Imperium und der katholischen Kirche in sich begreift Aber zugleich ist Frankreich das Land Jean-Christophes, das verzückt der gewaltigen Melodie der nordischen Barvbaren — Beethoven, Wagner, Nietzsche — lauscht Schon Voltaire hat mit seiner Kulturgeschichte, dem „Siecle de Louis XIV", die Franzosen gelehrt, wie alle die Entfaltungen des menschlichen Geistes aus einem gemeinsamen Untergrunde, der bürgerlichen Gesellschaft, hervorgehen und einem gemeinsamen Endzweck, dem Staat, zustreben. Die „nation", das ist für den Franzosen „et la patrie et l'humanite". Dieselbe Spannung zwischen Norden und Süden und ihre formale Bändigung in der einheitlichen staatlichen Organisation kennzeichnet die geistesgeschichtliche Entwicklung des französischen Judentums. Nach der Judenaustreibung des Jahres i3o,4 war Frankreich religiös als katholischer Einheitsstaat in die Neuzeit eingetreten. Erst im Verlauf der fortgesetzten Gebietsausdehnung nach Süden und Norden kamen in den neu einverleibten Provinzen wieder Juden unter französische Botmäßigkeit In Bor- 59t