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Der Morgen · 1930-02-01 · Heft 6 (Februar 1930) · p. 588

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 6 (Februar 1930)
Article
Gemeinde in der Großstadt
Date
1930-02-01
Page
588 (sequence 6)
Language
German
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Leo Baeck Art, und wenn die Religion sich in der Masse darbieten will, wird sie bloß jene politische Religion sein, in der die Frömmigkeit zuletzt immer der Politik erliegt Dieser Gefahr kann auch die Großgemeinde, zumal wenn sie das bewußt sein will, schwer entgehen; ja das, was das Großstadtische durch sich selbst schon zur Folge hat, kann durch die gewollte Großgemeinde hier noch weitergeführt werden. Ihre Starke, aber auch ihre Schwäche ist die große Zahl, die sie zusammenschließen will oder muß. Sie verliert darin meist den Einzelnen als solchen und gewinnt dafür vielleicht die Massengruppe, die Partei. Das, was sie dem Einzelnen gibt, ist die, durch ihre Größe wirkende, aber der persönlichen Unmittelbarkeit entbehrende Einrichtung, die Gemeindeinstitution, das heißt, etwas, was für den Einzelnen da ist, aber nicht durch ihn lebt Es ist ein nicht Seltenes in der Großgemeinde, daß die Gemeindeinstitution mit dem Gemeinde leben verwechselt wird und jene nun zum Ersatz für dieses bestimmt sein soll. Nur zu leicht geht die Entwicklung selbst dahin, daß so manches, bewußt oder unbewußt, auf den Masseneindruck hin angelegt wird. Fast sinnbildHch ist die zu große Synagoge hier und dort, die den Einzelnen weniger in die Gemeinde als in eine Masse hineinzustellen scheint Es ist kein Zweifel, daß durch dies alles starke Impressionen, auch Werte psychologischer, vielleicht auch moralischer Art gegeben sein können. Allein es ist ebenso kein Zweifel, daß die Religiosität, zum mindesten für die Dauer, hiervon nicht leben kann. Von ihr aus betrachtet, und das ist hier ja die ber stimmende Betrachtung, kann es die Aufgabe der Gemeinde in der großen Stadt nicht sein, die Wesenslinie der großen Stadt in sich aufzunehmen und in sich fortzuführen. Es ist im Gegenteil ihr eigenster Beruf, eine Gegenwirkung gegen alles das zu schaffen, wodurch die große Stadt dem Einzelnen und seinem nächsten Daseinskreis die lebendige Besonderheit nimmt, ihnen das wiederzugewähren, was die Daseinsform der großen Stadt ihnen vorenthält oder in ihnen verkümmern läßt Eine entscheidende Voraussetzung des religiösen Lebens, zum mindesten des jüdischen, in der Großstadt ist, daß in ihr, bei aller erforderlichen oder ratsamen Zusammenfassung, doch wahrhaft die Gemeinde den Platz findet, nicht aber, daß nur gleichsam die Großstadt als Gemeinde auch da ist Eine Gemeinde, wenigstens eine jüdische, ist nur dort, wo sich der Einzelne in ihr als den Träger der Gemeinde, als den verantwortlichen und geltenden Einzelnen wissen darf und sein Haus so, mag es auch nur eine Wohnstätte sein, ein Haus in der Gemeinde sein kann. Die Gemeinde gibt ihr Wesentliches auf und gibt eigentlich sich selber auf, wenn sie vor der 588

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