Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Gemeinde in der Großstadt
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 589 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Gemeinde in der Großstadt Großstadt kapituliert, wenn sie auf die Bestimmtheit jedes Einzelnen in ihr verzichtet An wenigem ist die Stärke des Gemeindeerbgutes in der jüdischen Seele so sehr erkennbar wie daran, daß die Religiosität sich so oft aus der Großgemeinde oder innerhalb ihrer in besondere Kleingemeinden flüchtet, in diese Gemeindefamilien, in denen jeder zu erfahren vermag, daß er ein Gekannter und Genannter ist. Auch aus so manchem in der jüdischen Jugendbewegung, aus ihren Gruppen und Heimen spricht dieses Verlangen, sich die wahre Gemeinde zu bereiten. Der Weg, der bedacht beschritten werden sollte, ist darin gewiesen. Aber in alledem ist doch erst eine wesentliche Voraussetzung für ein Eigentümliches der jüdischen Religiosität dargetan, nur die Frage nach der Gemeinde gestellt, die den hegenden Bezirk, den Daseinsumkreis für die Frömmigkeit des Einzelnen gewähren soll. Diese selbst ist doch hier das eigentlichste Problem, denn auch sie ist unter der Einwirkung des Großstädtischen; sie ist darum auch die eigentlichste Aufgabe. An den jungen Menschen, der in der Großstadt heranwächst — das ist das Kennzeichnende und Bestimmende — dringt weit mehr ein Gewerbliches und Technisches, ein Mechanisches und Geregeltes heran, als das Natürliche, das Gesetzliche und das Landschaftliche. Er kennt mehr Übertragenes als Entstehendes, mehr Aufgerichtetes "als Bodenständiges; er erfährt eine Fülle des Daseienden, aber wenig Werdendes, viel Neues und Bewegtes, aber wenig Allmähliches und Wachsendes; er. weiß darum mehr vom Wechsel im Stetigen, als von dem Stetigen im Wechsel, mehr daher von dem Redenden als dem Schweigenden, mehr von dem Dargestellten als von der Verborgenheit. So wird das Wissensmäßige und Tatsächliche, dieses immer und ganz Auszusprechende zum Inhalt seines geistigen und nur zu leicht auch schließlich seines gesamten seelischen Lebens; die rationalen Züge bilden seinen Charakter. Ein weiteres Bedeutungsvolles nimmt ihm dann noch die große Stadt Sie enthält ihm das große wiederkehrende Erlebnis von Nacht und Tag, von Abend und Morgen vor, dieses große Erlebnis der Finsternis in der Natur und ihrer Stille, des Lichtes in der Natur und seines Erweckens. Ihm fehlt hier die Erfahrung vom Erdboden auch, auf dem der Mensch steht — zwischen ihm und dem Erdboden ist immer die steinerne Straße —, die Erfahrung vom Himmel, der sich über dem Menschen dehnt — der Himmel ist für ihn nur über den Häusern, aber nicht eigentlich über ihm. Ihm fehlt daher das Erlebnis des Alleinseins auf der Erde unter dem Himmel, der Einsamkeit, in der er inmitten 589