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Der Morgen · 1930-02-01 · Heft 6 (Februar 1930) · p. 587

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 6 (Februar 1930)
Article
Gemeinde in der Großstadt
Date
1930-02-01
Page
587 (sequence 5)
Language
German
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Gemeinde in der Großstadt religiösen Gemeinschaf t der Familie, vorenthalten ist Wenngleich die jüdische Religiosität hier und dort auch dieser Not ausgesetzt ist, das in die Breite Wirkende ist vorerst das, daß die Großstadt eine natürliche und unmittelbare Verbundenheit des Hauses und der Familie mit der Gemeinde beeinträchtigt oder erschwert Hierzu kommt die veränderte Stellung des Einzelnen in der Gemeinde, in dem Stück der großen Gesamtheit, das diese bedeutet Auch darin erfuhr der Jude, der nach der Großstadt kam, eine Krisis des Gefüges seiner Religiosität In seiner alten Gemeinde war er der Hausvater, der „baal-habbajis"; er war einer, der zu seinem Teile, mit seiner Persönlichkeit die Gemeinde darstellte, ja die Gemeinde trug. Es war ein durchaus Persönliches, das ihn der Gemeinde zugehörig machte; mit einem deutlichen Selbstgefühl durfte er es so empfinden. Für den Mann wie für die Frau, die „baalas habbajis", galt dies in gleicher Weise. Selbst der, welcher sein Dasein nur durch Unterstützung weiterführte, besaß es so durchaus; auch er wußte, daß er einer in der Gemeinde oder, wie das alte Wort sagte, „eine Seele von Israel" war. An die Stelle dieser persönlichen Wertung und Beanspruchung, in welcher dort die stete Verbindung mit der Gemeinde verbürgt war, tritt jetzt in der Großstadtgemeinde die finanziell« Forderung und Leistung. Die Zelle der Gemeindebildung und der Gemeindegestaltung und -erhaltung ist gewissermaßen nicht sowohl ein menschlicher Bezirk als vielmehr eine Beitragsbereilschaft Aus dem baal-habbajis ist in der Großgemeinde der Steuerzahler geworden. Das Persönliche wird durch das Statistische zurückgedrängt und schließlich ersetzt Nur im Gedanken des materiellen Opfers kann sich bisweilen ein Persönliches noch erhalten. Um so verhängnisvoller ist diese Entwicklung, da die Großstadt ohnehin dem Einzelnen viel von seiner Eigenart nimmt; sie führt nur zu bald dahin., daß er in der Masse, sei es nun eine gesellschaftliche oder politische, untergeht Die Masse wird hier leicht das Milieu des Einzelnen, der Daseinsumkreis, unter dessen bestimmender Wirkung er steht Die der Großstadt eigentümliche Lebensäußerung ist die Massenkundgebung; das Selbstgefühl, das sie entstehen läßt, ist das Massenselbstgefühl; die Ordnung und Gliederung, die sie pflegt, ist die Ordnung und Verwaltung von Massen. Der Religiosität, sicherlich der jüdischen, ist das alles entgegen; sie kennt nur den Einzelnen in der Besonderheit seines Wesens und seiner Würde, seiner Pflicht und seines Rechtes, diese „eine Seele", und kennt nur die Gesamtheit, in der die Einzelnen die Gemeinschaft schaffen; sie ist oft geneigt, die Wenigen mehr zu achten, als die Vielen. Gemeingeist in der Masse, die sich als Masse betont, ist immer politischer 587 40*

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