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Der Morgen · 1930-02-01 · Heft 6 (Februar 1930) · p. 586

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 6 (Februar 1930)
Article
Gemeinde in der Großstadt
Date
1930-02-01
Page
586 (sequence 4)
Language
German
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Leo Baeck zumal für das deutsche noch mehr als für andere religiöse Gemeinschaften — ist so in der Frage nach dieser neuen Religiosität befaßt, dieser Religiosität, die in der großen Stadt und in der großen, räumlich schon weitausgedehnten Gemeinde, die hier entstand, werden soll. Die Tatsache, daß von den deutschen Juden heute zwei Drittel in Großstädten und dazu beinahe das eine dieser Drittel in der einen eigentlichsten Großstadt leben, spricht hier mit deutlicher Mahnung. Um so bedrückender ist die Sorge, die darin liegt, da die geschichtliche Wende vor einem Jahrzehnt sozial und religiös wichtige Gebiete jüdischen Kleinstadtlebens vom Reiche losgerissen hat Für den Juden, der aus seiner kleinen Stadt und ihrer Gemeinde in die Großstadtgemeinde hineingelangte, wurde es sehr bald eine Erfahrung, die in sein religiöses Empfinden hineingriff, daß er hier sein Leben in der Gemeinde oder wenigstens das, was ihm bis dahin Gemeindeleben bedeutet hatte, nicht mehr haben konnte; seine ganze Religiosität mußte dadurch bedroht sein. Denn das war ein Wesentliches in seiner Frömmigkeit zuvor gewesen, daß sein Haus in der Gemeinde stand, zur Gemeinde gehörte, daß es durch sie den vielfach umhegenden und auch vielfach überwachenden Daseinsbezirk hatte. Sein Leben hatte dadurch auch im Religiösen den bestimmten, sicheren Umkreis, das Nachbarschaftsgefüge gehabt Wenn die Fülle der religiösen Bräuche und Sitten sein Haus durchzog, wenn durch dieses Religiöse seine Tage eine Poesie und sein Jahr einen Rhythmus gewannen, so waltete in dem allen auch der lebhafte innere Zusammenhang mit der Gemeinde. Seine Familie war ein Stück der Gemeinde und seine Gemeinde die große Familie. Alles dessen mußte er hier zumeist entraten; die Gemeinde wirkte nicht mehr unmittelbar. Er war zu ihr gerechnet, aber er erlebte sie nicht oder wenigstens nur in gelegentlichen Stunden. Sein Haus war nicht mehr ein Haus in der Gemeinde, ganz abgesehen davon, daß er hier das Haus als solches, das Heim mit seiner Stetigkeil und Tradition, mit seinem Heimatlichen und Erzählenden, mit dieser lebendigen Einordnung in ein Ganzes entbehrte, daß er hier an dessen Stelle nur die Wohnung, die Wohnstätte, den Wohnraum hatte. Zwar tritt die letzte hierin gegebene Schwierigkeit an den deutschen Großstadtjuden seltener heran. Denn auch er gehört nur zum verhältnismäßig sehr geringen Teil den proletarischen Schichten an, denen selbst der eigentliche Wohnraum, die abgegrenzte Häuslichkeit versagt bleibt und denen infolge dieses Fehlens des abgegrenzten Heimbezirkes, der geschlossenen Wohnungsgemeinschaft auch ein Wesentliches der bestimmten und bewußten Familiengemeinschaft, und damit der bewußten 586

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