Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Gemeinde in der Großstadt
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 585 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Gemeinde in der Großstadt hatten. Und zudem wirkte dieses Beginnende, wie alles sozial und wirtschaftlich Neue und Befriedigende, zunächst verdiesseitigend. Das Transzendentale und Mystische, das Kosmische und Symbolische traten zurück; die Tatsachlichkeiten der Religiosität, das nur Praktische und nur Ethische, beanspruchten den Platz, sie wollten jetzt den ganzen Inhalt bedeuten. So war der bisherigen Frömmigkeit für ihre Habe der Daseinskreis, für ihr Suchen die Ausgangsstätte genommen. Das, worin sich bis dahin Nähe und Ferne dargestellt hatten, war nicht mehr da. Eines ließ diese Wirkungen zunächst noch nicht in ihrer ganzen Bestimmtheit hervorkommen: die Juden Mittel- und Westeuropas blieben größtenteils vorerst in der kleinen Stadt, und ihr wesentliches Gepräge blieb das kleinbürgerliche. So behielt die alte Frömmigkeit zunächst wenigstens gewisse äußere Vorbedingungen und Möglichkeiten. Aber das war ein Einstweiliges nur. Sehr bald setzte, oft das Letzte des Alten nehmend, die große, fast ununterbrochene Wanderung ein, die durch die neue Freizügigkeit gebracht wurde, und die für die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts nun kennzeichnend wird. Allerdings nicht die Tatsache der Wanderung, des Fortgehens von dem bisherigen Wohnplatze, als solche ist der Grund der sich vollziehenden Wandlung. Denn die Wanderung des Juden, die freiwillige und noch viel mehr die unfreiwillige, war nahezu das ganze Mittelalter hindurch fast ein Stetiges der Geschichte. Aber alle diese mannigfachen, zahlreichen Wege von hier nach dort und wieder von dort nach hier hatten damals kaum je eine eigentliche Änderung des Lebenskreises bedeutet, sie führten aus dem Gefüge der kleinen Gemeinde in ein gleiches Gebilde wieder hinein; selbst die größten Gemeinden waren damals ja Kleingemeinden. Die geographische Stätte änderte sich, nicht aber der Daseinsbezirk, nicht die ganze Atmosphäre des Geistigen und Seelischen; die Religiosität behielt ihr Zuhause. Die neue Wanderung war demgegenüber eine durchaus andere; vermöge wirtschaftlicher und sozialer Gesetze, gegen die kein dauernder Widerstand möglich war, begann jetzt die Auswanderung aus der kleinen nach der großen Stadt Sie bedeutet ein ganz Entscheidendes, sie gestaltet auch die Religiosität um, da diese nun in einen ganz anderen Lebensbereich hineingeführt wird, in ein Daseinsgebiet, in dem die alte Gemeindebestimmtheit, in welcher sie ihren sicheren Platz gehabt hatte, nicht mehr besteht Aus der alten jüdischen Kleinstadtfrömmigkeit muß sich eine neue, noch problematische, eine jüdische Großstadtfrömmigkeit nun herauszubilden suchen. Die ernste Aufgabe auch für das Judentum unserer Zeit — für dieses und 40 585